„Das hier ist unsere Zeit“

Am 12. Januar erscheint die neue Platte von Feine Sahne Fischfilet. „Sturm und Dreck“ erzählt von dem rasanten Aufstieg der antifaschistischen Bierzeltmusikanten, von Rausch und ganz persönlichen Problemen. Eben einfach vom Leben – und vom Erfolgsrezept der Band.

Gäbe es den Begriff Rampensau oder Frontmann noch nicht, für Jan Monchi Gorkow müsste er geprägt werden. Monchi singt nicht nur bei Feine Sahne Fischfilet und steht damit auf der Bühne im Fokus, er tritt auch als Gesicht und Lautsprecher der Band auf. Lautsprecher meint hier vor allem laut. Monchi gibt Interviews, besucht Insassen einer Justizvollzugsanstalt, hält mit der Linken-Politikerin Katharina König-Preuss Vorträge zum NSU, übernimmt die Hauptrolle als er selbst in einem Kinofilm und spielt natürlich reihenweise Konzerte.

Geht es um die Band, kann Monchi eine Geschichte erzählen, der man gerne lauscht; nämlich von einer Bande Hallodris und klassischen Tagedieben aus der tiefsten und denkbar uncoolsten Provinz, die ihr Ding durchziehen – gegen alle Trends und Widrigkeiten. Und das sind nicht wenige: seien es Anfeindungen und Attacken von Neonazis oder – längst legendär – die ungewollte PR-Vorlage des Verfassungsschutzes, als der Geheimdienst Feine Sahne Fischfilet mehr Raum in seinem Jahresbericht widmete als dem gesamten Blood & Honour-Netzwerk plus NSU-Umfeld in Mecklenburg-Vorpommern zusammen – und dies auch noch mit recht fragwürdigen Angaben, die später immer wieder in „Junger Freiheit“ und Co. auftauchten. Darüber lässt sich rückblickend lachen – doch erzählen solche Episoden viel über den Umgang mit rechtsextremer Bedrohung und Feindbildmarkierung in diesem Land. Da passt es nur ins Bild, dass ein Spitzenpolitiker wie Alexander Dobrindt derzeit zur „konservativen Revolution“ bläst und in einem rechtsdominierten Europa ausgerechnet die Biedermeier-Hochburg am Prenzlauer Berg zur geheimen Kommandozentrale der 68er und ihrer Erben erklärt – wer immer das auch genau sein soll.

In solchen Zeiten, in denen man nicht nur mit Rechtsradikalen unbedingt reden soll, sondern bereits Phase 2 eingeläutet wird, in der man deren Parolen imitiert und übernimmt, machen Feine Sahne Fischfilet der Hörerschaft ein Angebot, das – bitte festhalten liebe FSF-Hansa-Gemeinde – ähnlich wie der FC St. Pauli funktioniert: eine Projektionsfläche für Sehnsüchte nach Rebellion, Nonkonformismus, Spaß, Solidarität, Rausch und Gemeinschaft. So wie viele Leute den FC St. Pauli irgendwie super finden, ohne auch nur drei aktuelle Spieler zu kennen, mögen viele auch die Fischfilets – obwohl ihnen die Musik nicht unbedingt viel sagt.

Das klingt jetzt negativer als es gemeint ist; es soll vielmehr verdeutlichen, wie solche Projekte der Inklusion funktionieren: Wirklich jede/r kann dabei sein und mitmachen. Dabei ist es egal, wer man ist, woher man kommt oder was man sonst so treibt – wichtig ist, dass man die Grundregeln in dem jeweiligen subkulturellen Kontext respektiert und mitträgt – als Gegenentwurf zu den derzeit so populären rechten Ideologien der Exklusion. Mit Monchis Worten ausgedrückt:

„Hört auf mit dem Schubladen-Denken, ist mir egal, ob du Hipster oder eine Tussi bist, Hauptsache du bist ein geiler Mensch!“

Man stelle sich einen solchen Satz einmal von Alexander Dobrindt vor…

Keine musikalische Revolution

„Sturm und Dreck“: Der Titel des neuen Albums kann durchaus als Programm verstanden werden. Feine Sahne Fischfilet stellen die Musikwelt – kein Betriebsgeheimnis – nicht auf den Kopf; sie spielen eingängigen Punk-Rock mit Bläsern, teilweise Ska-Gitarre. Vier Griffe und ab dafür.

Dazu kommen mehrere bedächtigere Songs mit sehr persönlichen Texten. Monchi verarbeitet in dem Song „Suruc“ die traumatischen Erlebnisse, als er und weitere Helfer aus Mecklenburg-Vorpommern 2015 in der Grenzregion zu Syrien nur knapp einem Selbstmordanschlag entgingen, bei dem zahlreiche Menschen getötet wurden.

Zwei Straßen weiter spielen Kinder
In der Stadt riecht es nach Blut – Überall riecht es nach Blut
Samstag noch im Rampenlicht – Jetzt steh ich hier und schäme mich
Bald bin ich wieder zu Haus‘ – Sag, wie haltet ihr das aus?

Das Lied „Niemand wie ihr“ widmet Monchi seinen Eltern und bedankt sich bei ihnen dafür, dass sie immer zu ihm gestanden haben, obwohl er nicht zu wenig Mist gebaut hat.

Mit 19 krieg ich dann 2 Jahre auf Bewährung, nicht die Freunde, sondern ihr, ihr zahlt die Rechnung. 23000 kostet ein Sixpack wenn es brennt, in dieser Zeit hatte ich Angst, dass ihr euch trennt.

Sollte ich mal Kinder haben will ich so sein wie ihr. Ich find́s scheisse was du machst, aber ich steh zu dir.

FSF singen über ihre engen Freunde sowie das Zuhause, das jeder Mensch brauche, und über die dunklen Momente nach dem Rausch. Radikale Offenheit, die Angriffsfläche bietet. Und die beeindruckt. Denn natürlich kennt wohl jede/r die Probleme, eigenen Unzulänglichkeiten und Widersprüche des Lebens, die einen bisweilen zu zerreißen drohen.

Damit es dazu aber nicht kommt, machen Feine Sahne Fischfilet halt Musik – und setzen sich mit dem Album selbst ein kleines Denkmal: „Ich kann immer noch nicht sing´, Und spiel´ jetzt bei Rock am Ring“ – so bringt Monchi den Aufstieg von kleinen Gigs in linken Szeneclubs zu den Shows auf den großen Bühnen auf den Punkt.

Hass in positive Energie umsetzen

FSF erzählen aber nicht nur vom Rausch, von der Idee, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen – sie leben diesen Anspruch auch. Sei es ein ganzes Festival, das sie in der Provinz von Ostvorpommern organisieren, seien es Konzerte, Lesungen oder Hilfsaktionen – FSF sind tatsächlich mehr als nur eine Band. Gerne setzen sie ihre wachsende Popularität ein, um Dinge zu unterstützen und umzusetzen, die ihnen wichtig sind. Energie sorgt in diesem subkulturellen Kosmos für noch mehr Energie.

Die Geschichte vom Aufstieg von Feine Sahne Fischfilet dürfte allerdings bald auserzählt sein. Doch das wird die Band wohl wenig kümmern. Sie saugt ihre Energie aus dem Hass und der Ablehnung, die ihr entgegenschlagen – ein unendlicher Treibstoff. „Wenn wir sehen, dass Ihr kotzt“, richten FSF an ihre Gegner, „geht es uns gut“. Das neue Album zeigt, wie gut es der Band geht im Sturm und Dreck, wenn sie trotzig verkündet: „Das hier ist unsere Zeit!“

Siehe auch: Punk-Texte in der „Jungen Freiheit“Komplett im Visier des Verfassungsschutzes

#nochnichtkomplettimarsch in Anklam

anklam_pk

Der heutige Tag wird mir lange in Erinnerung bleiben, denn was am Nachmittag und Abend in Anklam los war, lässt sich nur schwer beschreiben. Locker 2000 Menschen waren am Demokratiebahnhof und haben gezeigt, wie das öffentliche Leben aussehen kann, wenn nicht Nazis den Takt vorgeben – nämlich ausgelassen, bunt, friedlich, laut, respektvoll.

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