Es kommt nicht alle Tage vor, dass in einer iranischen Moschee ein schwuler Grünen-Politiker mit Israel-Anstecker, ein international führender BDS-Aktivist, islamistische Publizisten und Vertreter höchst unterschiedlicher islamischer Organisationen sowie ein AfD-Funktionär aufeinandertreffen. Das Ergebnis ist eine Diskussion, die man als lebhaft bezeichnen kann.

Die Imam-Ali-Moschee an der Hamburger Außenalster ist ein echter Hingucker: Zwischen den Villen im klassischen Stil, die sich an dem Ufer der Außenalster aufreihen, taucht plötzlich das islamische Gotteshaus mit seinen schillernden blauen Kacheln auf.

Imam-Ali-Moschee (Quelle: AltSylt)
Die Imam-Ali-Moschee (Quelle: AltSylt)

Was hinter der reizenden Fassade vorgeht, sorgt allerdings immer wieder für Kontroversen. Denn das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) ist zwar eine der ältesten entsprechenden Institutionen, aber auch umstritten.

So steht das IZH unter Beobachtung des Hamburger Verfassungsschutzes. In einer Stellungnahme – allerdings bereits aus dem Jahr 2004 – heißt es laut Wikipedia, das IZH verfolge „als verlängerter Arm der Teheraner Revolutionsführung konsequent das Ziel, islamistisches Gedankengut nach heimatlichem Vorbild in Deutschland zu verbreiten“. Das IZH trat zudem bis 2004 regelmäßig als Mitorganisator des „Al-Quds-Tages“ auf. Zum „Al-Quds-Tag“ im September 2010 gab das IZH seine Zurückhaltung wieder auf und forderte öffentlich zur Beteiligung auf und unterstützte die Veranstaltung. Auch 2016 sei das IZH mit 200 Personen an der jährlichen Al Quds Demonstration in Berlin beteiligt gewesen. Gleichzeitig solle durch öffentliche Veranstaltungen wie dem jährlichen Tag der offenen Moschee und in Seminaren und Vorträgen, zu denen auch westliche Wissenschaftler eingeladen werden, ein wohlwollender, auf Kooperation setzender Islam vermittelt werden – was man dem Zentrum eigentlich nur schwerlich zum Vorwurf machen kann.

„Islamfeindlichkeit und Rechtspopulismus“

Am 15. Januar 2017 fand die Veranstaltung „Islamfeindlichkeit und Rechtspopulismus als Herausforderung für Demokratie und Islam“ in der Moschee statt. Als Teilnehmer waren unter anderem angekündigt der taz-Journalist Daniel Bax,  Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann Stiftung, die bekannte Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, der Theologe Mansour Laghai, Farid Esack von der Universität Johannesburg – der auch Vorsitzender der israelfeindlichen BDS-Bewegung in Südafrika ist, dazu die CDU-Bundestagsabgeordnete Cemile Giousouf, die aber laut Moderation kurzfristig absagte, der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck, Zekeriya Altuğ vom türkisch-islamischen Dachverband DITIB und Norbert Müller von der SCHURA Hamburg.

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Einladung zur „Einheitskonferenz“

Streit um Einladung von Beck

Die Einladungen zu der Veranstaltung hatten im Vorfeld für reichlich Diskussion innerhalb von islamischen Verbänden geführt. Der Hamburger Blogger Akif Sahin kritisierte die Veranstaltung beispielsweise öffentlich scharf, weil der eingeladene Volker Beck „immer wieder gegen DITIB, Schura Hamburg und das Islamische Zentrum Hamburg gehetzt“ habe und ihm „durch die Einheitskonferenz ein Raum für seine Ressentiments und politischen Ziele gegeben“ werde.

Zusätzliche Brisanz erhielt das letzte Podium der Veranstaltung, da Grünen-Politiker Beck dort mit einem Ditib-Vertreter saß, jener Dachverband, dem der Grünen-Politiker Spionage im Auftrag der Türkei vorwirft (ich habe über diese Sache bei tagesschau.de geschrieben). Spannung war also garantiert – und die Debatte nahm tatsächlich immer weiter an Schärfe zu, während es aber immer weniger um das Thema Rechtspopulismus ging, sondern mehr um die Frage, wie das islamische Leben in Deutschland aussehen solle.

Islamische Identität in Deutschland

Ditib-Vertreter Altug betonte zunächst die Pluralität des Islam als positiven Wert, den man stärker nach außen kommunizieren sollte. Wenig überraschend als Vertreter eines Verbands, der eng mit dem türkischen Religionspräsidium Diyanet verflochten ist, beschrieb er die Verbundenheit zu „Herkunftsländern“ von Muslimen in Deutschland als positiv.

Dem widersprach Norbert Müller von der SCHURA: Er forderte, eine islamische Identität der Muslime in Deutschland zu schaffen. Dafür müsse man sich auch politisch bewegen und die Werte von Demokratie und Pluralismus nicht nur aus taktischen Motiven, sondern vielmehr aus Überzeugung vertreten. Durch die Fokussierung vieler Muslime auf ihre „Herkunftsländer“ (der Begriff erscheint irreführend, da oft von Menschen die Rede ist, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben) führe dazu, dass die nationalen Konflikte nach Deutschland herüberschwappten. Nationalethnische Politik sei nicht die Basis, sondern das Ende von Dachverbänden wie der SCHURA. Er habe den Eindruck, dass viele Verantwortliche dies mittlerweile auch verstanden hätten, sagte Müller.

Kritik an iranischen Vertretern

Volker Beck betonte, Chauvinismus müsse immer und überall bekämpft werden. Er habe sich immer für die Interessen von Muslimen eingesetzt, für den Bau von Moscheen – die Verbände müssten aber auch Kritik akzeptieren, dies gehöre zu einer Debatte auf Augenhöhe dazu. In diesem Zusammenhang warf er der SCHURA vor, Hetze gegen Israel nicht nur zuzulassen, sondern sogar zu fördern. Beck kritisierte den Auftritt von Vertretern des iranischen Regimes, die sich auf der Veranstaltung zu Demokratie, Meinungs- sowie Religionsfreiheit äußerten – ohne, dass Nachfragen zugelassen wurden.

Beck betonte, im Iran gebe es keine freie Wahlen und Homosexuelle würden zum Tode verurteilt. Wer das nicht thematisiere, habe sich als Gesprächspartner disqualifiziert. „Bei der Meinungsfreiheit muss der Ayatollah Ramezani noch einiges lernen“, so Beck. „Da muss man auch mal etwas aushalten, was man selbst nicht mag.“

Mut zur Kontroverse

Tatsächlich muss man den Veranstaltern Mut zur Kontroverse bescheinigen, denn Beck griff beispielsweise auch den anwesenden SCHURA-Vorsitzenden Mustafa Yoldas scharf an, weil er auf seiner Facebook-Seite kontinuierlich antiisraelische Propaganda verbreite. Yoldas hatte in seiner Rede laut Redemanuskript gesagt, „unsere Haltung als SCHURA gegen jede Form von Antisemitismus ist immer eine prinzipielle. Davon zeugt unsere vertrauensvolle Arbeit mit Vertretern der jüdischen Gemeinde auf zahlreichen Ebenen, ob im Interreligiösen Forum Hamburg oder im Rahmen des „Religionsunterrichts für alle“.“ Zum Thema Israel äußerte er sich nicht.

Beck kritisierte zudem, dass sich auch das Islamische Zentrum Hamburg zwar von Antisemitismus distanziere, gleichzeitig aber den Al-Quds-Marsch unterstütze.

„Sehr viel Gesprächsbedarf“

Der Publizist und Moderator der Veranstaltung Eren Güvercin sagte mir, es sei wichtig gewesen, dass Beck seine Kritik geäußert habe – vor allem im Hinblick auf die Vertreter des iranischen Regimes. Die Debatte habe gezeigt, so Güvercin, „dass wir sehr viel Gesprächsbedarf haben beim Thema Antisemitismus, Rechtspopulismus aber auch Populismus in Teilen der muslimischen Community. Dass es in solchen Debatten dann Reibungen entstehen, finde ich alles andere als negativ.“

Das sehen andere etwas anders. Ali Özgür Özdil, Direktor des Islamisches Wissenschafts- und Bildungsinstitut schrieb auf Facebook, einige Gäste der Konferenz hätten dem Gastgeber „ins Essen gespuckt“. Im Grunde werde jeder Verband, so Özdil, „ob sunnitisch oder schiitisch, ob türkisch oder iranisch, von irgendjemandem ins Visier genommen. Dass die Verbände, aufgrund ihrer jahrzehntelangen Bemühungen, immer stärker als Ansprechpartner für den Staat – etwa in Sachen Religionsunterricht – infrage kommen, stört natürlich ihre Gegner. Es scheint, als wenn man lieber öffentlich inaktive und zurückgezogene Verbände hat, als Stimmen, die es doch tatsächlich wagen, Gesellschaftskritik zu üben.“ 

Einfluss von Außen, Ausschluss von Innen

Die offenen Fragen liegen also auf dem Tisch: Wie halten es die Muslime mit ihren Verbänden? Bilden diese wirklich die Lebenswirklichkeit der jungen Muslime ab? Das bezweifelten beispielsweise Publizist Güvercin und Grünen-Politiker Beck. Und wie kann die Fokussierung auf die „Herkunftsstaaten“ wie beispielsweise dem Iran oder der Türkei reduziert werden, wenn sich gleichzeitig viele Muslime in Deutschland von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen? Benutzen einige Muslime den Vorwurf der Islamfeindlichkeit, um Kritik – beispielsweise wegen Hetze gegen Israel – abzuwehren? Wie kann eine deutsche Identität der Muslime aussehen?

Und warum fordert die bundesdeutsche Mehrheitsgesellschaft von den Muslimen Integration auf allen Ebenen, interessiert sich aber kaum bis überhaupt nicht für die Entwicklungen in ihrer Community? Eins ist auf jeden Fall angesichts solcher Fragen klar: Die Scheindebatten über Nacktduschgebot oder Kopftuchverbot bringen vielleicht Wählerstimmen, helfen aber nicht, auch nur eine dieser Fragen zu beantworten. Gefordert sind vor allem auch Journalisten, für die sich die Aufgabe stellt, differenziert über die Debatten und Konflikte zu berichten, statt ständig populistischen Forderungen unendlich viel Raum zu bieten.

PS: Übrigens erschien – sozusagen als Krönung – noch Jens Eckleben von der AfD auf der Veranstaltung. Er wollte vom SCHURA-Vertreter wissen, warum man salafistische Moscheen in dem Verband akzeptiere. Müller antwortete knapp, Eckleben solle doch einmal auf die Homepage der SCHURA schauen, wo der Verband seine Programme gegen Salafismus dokumentiert habe. Auch Die Welt berichtete bereits über dieses Engagement. Immerhin schloss sich durch Ecklebens Kurzauftritt der Kreis zum eigentlichen Thema der Veranstaltung: Rechtspopulismus.

Ein Kommentar zu „Islam- und Israel-Debatte in iranischer Moschee

  1. Eine solche Veranstaltung halte ich für einen guten Ansatz.
    Denn leider wird Islamkritik oft als Islamfeindlichkeit, Islamophobie oder gar als Muslimfeindlichkeit bezeichnet — und diffamiert. Als ob Islam einerseits und Muslime andererseits identisch wären.
    „Brief an die Heuchler“ von CHARB empfiehlt sich dann.

    Kritik an einer totalitären Ideologie und einem despotischen System, Kritik an der Todesstrafe bei Apostasie gemäß heutzutage gültigem islamischem Recht (womit Muslime zu Geiseln ihrer Religion genommen sind !) ist keine Feindlichkeit und erst recht keine Phobie, und auch kein Rassismus, wie oft behauptet wird. Sonst wäre ja z.B. Kritik am nordkoreanischen System ebenfalls … — ja was ?

    Gibt es eigentlich auch eine Religionsfreiheitsphobie, eine Apostasiephobie, eine Atheismusphobie … ?

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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