In den vergangenen Tagen haben schwere Sexualdelikte für bundesweites Aufsehen gesorgt. Genauer gesagt: Die Festnahme von mutmaßlichen Tätern löste immense Empörung aus. Dabei geht es offenkundig nur wenigen um die Opfer, sondern vor allem um die mutmaßlichen Täter – genauer: deren Herkunft. Hass und Vorurteile sollen zur neuen Norm werden.

In Freiburg war im Oktober eine Studentin ermordet worden. Vor wenigen Tagen nahm die Polizei einen Mann fest, der als dringend tatverdächtig gilt. Der Umstand, dass der mutmaßliche Täter ein Flüchtling ist, führte zu einer erstaunlichen Medienkritik, in der Stern-Online mit einem Kommentar von einem „Redakteur Unterhaltung“ den Vogel abschoss.  Stefan Niggemeier hat Lesenswertes dazu geschrieben.

Schlagkräftige Empörungswellen

Bemerkenswert bleibt indes, welche Schlagkraft die Empörungswellen im Netz mittlerweile entwickeln – eine Schlagkraft, die ohne Schützenhilfe wie die von Stern-Online aber wohl kaum denkbar wäre. Sie verstärkt die Empörung, veredelt Ressentiments zu respektablen Meinungen. Ähnliches lässt sich bei anderen Kampagnen im Netz beobachten, sei es gegen Feministinnen, Publizistinnen oder unliebsam Organisationen.

Entscheidend für die bundesweite Aufmerksamkeit und Empörung waren die Ermittlungsergebnisse, nach denen der mutmaßliche Täter ein Flüchtling war. Denn wäre der Hauptverdächtige beispielsweise ein weißer Ex-Freund des Opfers gewesen, wäre sicherlich niemand auf die Idee gekommen, die tagesschau müsse an einem Wochenende über diesen traurigen Fall berichten, an dem in Italien und Österreich historische Abstimmungen anstanden.

Vielen Kommentatoren im Netz geht es also offenkundig nicht um die Betroffenen von sexualisierter Gewalt, sondern um die Herkunft der Täter. Für Opfer, die nicht von Flüchtlingen vergewaltigt wurden, interessiert man sich nicht weiter. Im Gegenteil: Im Netz wünschen besonders krasse Hetzer ihren politischen Gegnerinnen, selbst einmal vergewaltigt zu werden.

99% der Täter sind Männer

Würde es den zahlreichen Medienkritikern und Teilzeit-Frauenrechtlern um die Opfer gehen, würde man wohl eine ganz andere Diskussion einfordern, nämlich beispielsweise eine Debatte darüber, warum der absolut überragende Anteil der Sexualdelikte von Männern gegen Frauen oder Kinder begangen wird – und was man (!) gegen diese alltägliche Bedrohung für Frauen tun könnte.

Eine repräsentative Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 kam zu dem Ergebnis, dass in Deutschland jede siebte Frau in ihrem Erwachsenenleben mindestens einmal Opfer von sexueller Gewalt wurde, sechs Prozent gaben an, vergewaltigt worden zu sein. Davon sind 56 Prozent mehrmals Opfer sexueller Gewalt geworden, wobei sich die Spanne der Situationen von zwei bis hin zu über 40 Situationen erstreckte. Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird demnach fast ausschließlich (99 Prozent) durch erwachsene männliche Täter verübt. In knapp einem Prozent der Fälle war eine Frau die Täterin oder an der Tat zumindest beteiligt. Die Täter kommen überwiegend aus dem näheren Umfeld der Frauen, nur knapp 15 Prozent waren Unbekannte.

Solche Zahlen zu diesem Massenphänomen wollen die rechten Teilzeit-Frauenrechtler aber nicht hören, sie werden als Relativierungen abgetan.

Es kann hilfreich sein, Zahlen zu erheben, wie hoch der Anteil von Flüchtlingen an Sexualdelikten ausfällt, um herauszufinden, ob es ein spezifisches Problem gibt. Die massenhaften Übergriffe in Köln und anderen Städten zum Jahreswechsel legen den Schluss nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen erzkonservativem Frauenbild und Sexualdelikten bei einigen Gruppen geben könnte.

Ein Zusammenhang, der aber eben nicht auf Flüchtlinge begrenzt ist. Denn die allermeisten Sexualdelikte werden nicht von Flüchtlingen und auch nicht im dunklen Park oder an öffentlichen Plätzen verübt, sondern im sozialen Nahbereich – durch „ganz normale“ Männer. Wer darüber nicht sprechen möchte, sollte zu Vergewaltigungen lieber generell schweigen – vor allem, da der Anti-Feminismus die ideologische Klammer der neuen rechten Bewegung ist. Das Überbetonen von sexualisierter Gewalt durch Flüchtlinge verspricht somit einen mehrfachen Effekt: Man kann sich selbst als moralisch einwandfrei präsentieren, von dem eigenen sexistischen Weltbild ablenken, die sexualisierte Gewalt auf andere Gruppen abschieben – und sich in den eigenen Ressentiments bestätigt sehen. Bingo.

Die Erkenntnis, dass es vielen hasserfüllten Kommentatoren keineswegs um die Opfer von Sexualstraftaten geht, sondern darum, den eigenen Hass zu camouflieren sowie Vorurteile zu befriedigen, liegt nahe, ist banal und altbekannt – umso katastrophaler, dass auch große Medien auf solche Kampagnen aufspringen – und zwar längst nicht nur Stern-Online.

Normativer Hass

Die Kampagnen im Netz, sie zeigen Wirkung – mit aller Macht und allen Mitteln wird versucht, neue Standards durchzuboxen – Standards, die auf Empörung und Ressentiments und Willkür basieren, nicht mehr auf rationalen Debatten und universellen Menschenrechten. Vorurteile sollen zur sozialen Norm gemacht werden, der Hass zur Normalität – und schließlich Recht zu Unrecht.

Ein Kommentar zu „Normativer Hass

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