Donald Trump hat die Wahl in den USA gewonnen. Fassungslos fragen sich viele: Wie war das möglich? Die Antwort: Trump bietet eine klare Erzählung an, ein Narrativ, eine Vision. Diese kann nicht durch Fakten entkräftet werden, denn die Erzählung basiert auf einer Ideologie der Irrationalität. Dies vereint ihn mit deutschen Rechtsaußen. Die Frage lautet nun: Wer könnte der deutsche Donald Trump werden? 

Björn Höcke – das ist der AfD-Fraktionschef in Thüringen, der Anführer des ganz rechten Flügels der Partei, ein Geschichtslehrer, der in neurechten Denkfabriken auftritt und Reden darüber schwingt, welche unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien es bei Menschen aus Europa und Afrika gebe. Biologistischer Unsinn von höchster deutscher Qualität also. Nichts, womit man sich länger beschäftigen möchte.

Es lohnt sich aber, Höcke zuzuhören. Und zwar sehr genau. Er hält aufschlussreiche Reden. So zum Beispiel am 21. September in Erfurt, wo die AfD regelmäßig zu Kundgebungen aufruft. Um diese Rede soll es hier gehen.

Die jüngsten Erfolge der AfD könne man nicht anders bezeichnen als eine parteipolitische Revolution, ruft Höcke seinen Anhängern zu. Die antworten mit Jubel und Sprechchören: „Widerstand“ – so hallt es durch Erfurt in der Dunkelheit.

Schulter an Schulter führten die AfD-Landesverbände im Osten den politischen Kampf, so Höcke. Eine symbolträchtige Achse, lobt er. Und weiter: „Wir marschieren getrennt, aber wir schlagen vereint!“ Das Ziel seien keine Reförmchen, wie er es verächtlich formuliert, sondern eine politische Wende um 180 Grad. Stehen Sie mal kurz auf und drehen Sie sich um 180 Grad – die Richtung wird deutlich.

Soweit zu den eigenen Zielen, nun zu den Gegnern. Im Westen Deutschlands, so Höcke, da schliefen viele Menschen noch. Sie seien apathisch geworden durch die Gehirnwäsche der Altparteien und Medien. Zudem seien die Menschen „wurzellos“ geworden – und zwar durch das permanente Miesmachen „unserer Geschichte“. Was damit gemeint sein soll, führt Höcke nicht weiter aus. Braucht er auch nicht, jeder versteht es: Es geht um die deutschen Verbrechen, den Holocaust, den Vernichtungskrieg. Davon soll nicht mehr die Rede sein. Die deutsche Geschichte werde auf zwölf Jahre reduziert usw.usf. Man kennt das.

Hören wir Höcke aber weiter zu: In Deutschland sei durch den Multikulturalismus der Altparteien die Zerstörung des Sicherheitsgefüges bereits weit vorangeschritten, behauptet er. Dabei sei es der vornehmste Daseinszweck des Staates, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen. Mit anderen Worten: Die sogenannten Altparteien handeln demzufolge gegen den Staat, weil sie das Sicherheitsgefüge durch den Multikulturalismus zerstören.

Alles ein bisschen kompliziert ausgedrückt. An der Rhetorik muss Höcke wohl noch etwas feilen. Noch kocht die Menge nicht vor Wut. Höcke legt also nach, formuliert etwas einfacher: Nicht sehr wenige Politiker wollen unser Volk und unseren Staat kaputt machen, verkündet er mit finsterem Blick. Diese Botschaft kommt an: Volksverräter. Volksverräter – schallt es durch die Nacht.

Der Volksverräter zerreißt dem nationalsozialistischen Rechtsdenken nach das „Bewusstsein seiner heiligen Bindung“ zum „Staat als einer verschworenen Treuegemeinschaft“.  Nach den „Nationalsozialistischen Leitsätzen für ein neues deutsches Strafrecht“ war Volksverrat das „unmittelbar gegen das deutsche Volk gerichtete Verbrechen eines Volksgenossen, der die politische Einheit, Freiheit und Macht des deutschen Volkes zu erschüttern trachtet“.  (Zitiert nach http://www.lexikon-drittes-reich.de/Volksverrat)

Dieses vom NS-Rechtsdenken formulierte Verbrechen skizziert Höcke hier: Deutsche Politiker, die absichtlich und bewusst und systematisch das deutsche Volk und dessen Staat, der das Volk schützen soll, zerstören wollten.

Und wie wollen die Politiker der Altparteien ihren perfiden Plan umsetzen und das deutsche Volk zerstören? (Warum sie das auch immer anstreben sollten, nur nebenbei bemerkt). Wer erledigt diese dreckige und blutige Arbeit der politischen Klasse? Wer geht zur Attacke über? Das Wort hat wieder Björn Höcke:

„Man flutet unser Land mit Millionen junger Männer.“

Das sagt Höcke so wörtlich. In seinen Sätzen finden sich keine Einschränkungen, keine Differenzierungen, alles wird absolut formuliert. Also: Millionen junger Männer. Wie kommt ein deutscher Landtagsabgeordneter und Fraktionschef zu so einer Behauptung?

Im vergangenen Jahr kamen etwa 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland, darunter Frauen und Kinder – und dazu auch ältere Männer. Von diesen 890.000 Menschen wurde eine nicht bekannte Anzahl bereits wieder abgeschoben, hat von selbst das Land verlassen oder ist schlicht verschwunden. Höcke spricht dennoch von Millionen von jungen Männern. Wahrscheinlich spricht er nicht nur von Flüchtlingen, sondern meint mit Millionen von Männern alle die, die nicht seinen Vorstellungen des Deutschseins entsprechen.

Und nun kommen besonders bemerkenswerte Sätze, was das Weltbild von Höcke angeht:

Junge Männer, und das ist ja auch eine ganz natürliche Sache, junge Männer suchen selbstverständlich junge Frauen. Wenn sie aber keine jungen Frauen finden, dann nehmen sie sich eben junge Frauen.

Ganz natürlich. Kennt man doch, wenn man keine Frau findet, nimmt man sich halt eine. Die selbstverständlichste Sache der Welt?! Im Ernst: Höckes Problem mit der sexualisierten Gewalt in Köln und anderswo scheint nicht zu sein, dass sich Männer „natürlich Frauen nehmen“, weil sie sonst keine finden, sondern dass die meisten Täter keine Deutschen waren.

Höcke ist aber noch längst nicht fertig, nun führt er aus, er habe diese Entwicklung längst – so wörtlich – prophezeit – und er sei dafür geprügelt worden von den Medien. Die Menge dankt ihrem Propheten mit dem Schlachtruf von der „Lügenpresse“. Höcke betont noch einmal, seine Prophezeiung sei nun bittere Realität geworden.

Höcke attestiert sich tatsächlich, er könne prophezeien. Er habe nicht vor einer Entwicklung gewarnt, oder sie geahnt, nein, er habe sie prophezeit. Hier wird das Politische mit dem Religiösen verquickt, hier empfiehlt sich jemand wenig bescheiden offenkundig als Anführer mit hellseherischen Fähigkeiten. Dazu bringt er noch Begriffe wie Lebensraum und totale Grenzöffnung in seiner Rede unter und brüllt schließlich:

„Schließt die Grenzen und schickt die jungen Männer nach Hause!“

Die Menge ist jetzt außer sich und skandiert „Abschieben!“. Die Stimmung ist aufgeheizt und aggressiv. Es fehlen eigentlich nur noch Fackeln und Forken. Das Volk ist  dabei, sich zu erheben. Zumindest das Volk, das sich neuerdings immer wieder lautstark als solches bezeichnet und auf dieser AfD-Kundgebung anwesend ist.

Dann spricht Höcke darüber, dass die Deutschen die Arbeitstiere und Zahlmeister seien – beispielsweise für Asylbewerber und illegale Ausländer, die sich ihre Zähne auf unsere Kosten sanieren ließen. Nur die AfD mache soziale Politik – und zwar für das deutsche Volk. Er spricht von der neuen sozialen Frage. Dabei gehe es nicht darum, das Volksvermögen von oben nach unten zu verteilen, oder von jung nach alt oder alt nach jung, so Höcke, sondern es gehe vor allem darum, das deutsche Volksvermögen zu schützen.

Es kommt, was kommen musste: Unser Weg wird kein leichter sein, unser Weg wird ein steiniger sein – zitiert Höcke Xaver Naidoo, und beschwört einen neuen Geist in Deutschland. Abschließend verspricht er, man werde diese Pattex-Frau, gemeint ist Merkel, irgendwann aus dem Kanzleramt – so wörtlich – vertreiben.

Höcke entwirft innerhalb von gut 20 Minuten ein komplettes, abgeschlossenes Weltbild. Dieser Erzählung zufolge ist das deutsche Volk insgesamt bedroht – von Innen durch den Multikulturalismus der Altparteien, der nur Mittel zum Zweck sei, um von Außen Millionen von jungen Männern ins Land zu holen, die dann die Drecksarbeit verrichten, nämlich die Zerstörung des deutschen Volkes. Kollaborateure der Altparteien seien die Medien, die die Gehirnwäsche unterstützten. Dagegen setzt die AfD geschlossene Grenzen und die neue soziale Frage, die ein Euphemismus ist für eine Variante der Volksgemeinschaft, in der Widersprüche und soziale Ungerechtigkeiten innerhalb des „Volkes“ einfach weggewischt werden. Das deutsche Volk, die Gemeinschaft zählt, steht über allem – der Einzelne ist unwichtig.

„Make America great again!“

So eine geschlossene Erzählung – die kann eine Menge wert sein. Dass dieses Narrativ bei vielen Menschen fängt, haben die vergangenen Wahlen nur zu deutlich gezeigt. Und auch Hunderttausende Kommentare in den Netzwerken belegen es. All die unzähligen Hasskommentare, all die Parolen, mit denen man so prima Bullshit-Bingo spielen kann – sie stammen aus dieser Erzählung, die in den vergangenen Jahren so wirkungsmächtig geworden ist. Auch Donald Trump setzte im Wahlkampf voll auf diese Karte: Make America great again – diese Parole schlug sämtliche Argumente.

Wir aufgeklärten und gebildeten und weltoffenen Menschen, wir können uns tausendmal am Tag über die Dusseligkeit von einzelnen Protagonisten aus dieser neuen nationalistischen Bewegung lustig machen, wir können Hunderte Tweets dagegen setzen, wir können Dutzende Erklärvideos produzieren, Fakten checken und Gerüchte entkräften – es nützt nichts. Die Erzählung, die Höcke an diesem Abend in Erfurt zur Aufführung bringt, sie lebt. Sie lässt sich nicht durch Vernunft entkräften. Daran ist auch Hillary Clinton gescheitert.

Warum ist das so? Warum helfen Fakten nicht? Zum einen, weil wir es mit einer Ideologie zu tun haben, die auf Widersprüchen und Irrationalität basiert – und zum anderen, weil die Leute, die dieser Erzählung folgen, an diese Geschichte glauben wollen. Und weil diese Erzählung weit mehr ist, als nur eine lose Orientierungshilfe – dieses Narrativ ist ein stabiler ideologischer Rahmen, in dem ich mein ganzes Leben, sogar die ganze Welt bequem unterbringen kann. Eine universelle Erklärung, mit der ich alles sortieren und einordnen kann. Eine praktische Sache in einer Welt, die sich tatsächlich schnell verändert.

Die Dinge verändern sich rasant – die eben skizzierte Erzählung hilft vielen Menschen offenkundig, sich zu orientieren. Zumindest glauben sie das, tatsächlich verlieren sie sich hoffnungslos in einer simplen Weltanschauung, die die komplexe Realität in Gut und Böse einteilt. Sie glauben nur noch das, was sie glauben wollen. Und in ihren Filterblasen befeuern und bestärken sie sich noch gegenseitig. Ihr gesamter Wahrnehmungsfilter verändert sich – ich habe das schon bei mir selbst festgestellt, als ich zu Recherchezwecken viele Tage in der nationalistischen Parallelwelt unterwegs war. Der Hass wird für viele Menschen zur zuverlässigen Konstante. Sie benutzen ihn, um die Herausforderungen der Moderne abzuwehren.

Die Zumutungen der Moderne

Progressive politische Bewegungen haben stets danach gestrebt, den einzelnen Menschen in die Lage zu versetzen, frei zu wählen, was er mit seinem Leben anfangen möchte oder nicht anfangen möchte. Weder sozialer Status noch Geschlecht oder Abstammung dürfen demnach Hindernisse bei der Lebensplanung sein. Keine Frage, die Realität sieht anders aus. Doch es ist zumindest ein Ideal, das bereits deutliche Fortschritte gebracht hat.

Die Menschen in Europa sind in den vergangenen Jahrhunderten von zahlreichen Zwängen befreit worden: von den rigiden Vorschriften der Kirche des Mittelalters, aus der Leibeigenschaft, aus der Festlegung, dass Frauen ihr Leben dem Herd und der Familie schenken müssten. Die Gleichberechtigung von Minderheiten macht Fortschritte. Es ist mühsam, aber wie sangen die Fehlfarben einst: Es geht voran.

Während progressive Kräfte also gesellschaftlichen Fortschritt forcieren, streben reaktionäre Kräfte zurück in eine idealisierte Vergangenheit. Die 180 Grad-Wende, von der Höcke sprach. Und so sehnt sich die reaktionäre Kampfgemeinschaft, mit der wir aktuell konfrontiert sind, zurück nach einer übersichtlichen Welt, in der alles so in Stein gemeißelt bleibt, wie es einst gewesen sein soll. Man will zwei Geschlechter, beide heterosexuell, der Mann geht ehrlich schaffen, die Frau kümmert sich um die Kinder. Ungefähr so wie im Heimatfilm. Minderheitenrechte sind in dieser Welt gefährlicher Unsinn, Homosexualität abnormal, von Feminismus möchte ich gar nicht erst anfangen.

Auch die Großstadt lehnt man ab, dort ist es zu laut, dreckig, unübersichtlich, unnatürlich und allgemein viel zu chaotisch. Die Stadt ist jeden Tag anders, überraschend. Das mögen viele Menschen, viele andere nicht. Kurzum: Man propagiert eine idealisierte Vergangenheit, in der jeder und vor allem jede seinen bzw. ihren festen Platz in der Gemeinschaft habe. In der jeder und jede eine festgelegte Rolle spielt, die keinen Raum für individuelle Interpretationen zulässt. Alternative Lebensentwürfe empfindet man als handfeste Bedrohung. Wer auf dem Land aufgewachsen ist, kennt den Konformitätsdruck sicherlich nur zu gut.

Die Errungenschaft der Moderne ist jedoch genau, dass man sich von seiner eigenen Herkunft distanzieren und lösen kann – wenn man es möchte. Es ist möglich, vollkommen verschiedene Lebenswege einzuschlagen – alles in der Theorie, selbstverständlich gibt es praktisch weiterhin zahlreiche Zwänge. Doch grundsätzlich gibt es eine Vielzahl von Alternativen, wie ich mein Leben gestalten kann. Wunderbar – finde ich. Fürchterlich – finden  andere. Der Fortschritt erzeugt immer auch Gegenbewegung.

Ralf Fücks von der Böll-Stiftung fasst diesen Mechanismus so zusammen:

Jede neue Stufe der Moderne erzeugt Ängste und Abwehr, von der Dampfmaschine bis zur digitalen Revolution. Die wissenschaftlich-technische Entzauberung der Welt ruft die Romantik hervor, die Säkularisierung den religiösen Fundamentalismus, die fortschreitende Individualisierung weckt die Sehnsucht nach Gemeinschaft, der globale Wettbewerb den Ruf nach dem protektionistischen Staat. Der springende Punkt ist, dass die Moderne ihre Opposition aus sich selbst heraus erzeugt. Dieser Konflikt zieht sich bis ins Bewusstsein der Einzelnen.

Auch die AfD und Trump sind ein Produkt der Moderne – auch wenn sie das nicht gerne hören werden. Und in der Tat kennen wir wohl alle solche Konflikte in unserem Bewusstsein, das Spannungsfeld zwischen Individualität und Gemeinschaft, zwischen digitalem Leben und der Sehnsucht nach dem einfachen Leben usw. Wir müssen unseren Weg finden. Das ist die Zumutung der Moderne. Zygmunt Bauman stellte dazu fest:

Das Projekt der Moderne versprach, das Individuum von seiner ererbten Identität zu befreien. Es stellt sich keineswegs gegen Identität schlechthin, dagegen, dass man eine Identität – auch eine stabile, unverwüstliche, unveränderliche Identität – hatte. Es wandelte Identität lediglich um: von etwas Zugeschriebenem zu einer Leistung – und erklärte sie so zur individuellen Aufgabe in der Verantwortung jedes einzelnen. (Das Unbehagen in der Postmoderne, S. 40)

Die eigene Identität zu entwickeln und aufzubauen – das ist eine Lebensaufgabe. Jeder Schritt will überlegt sein, inwieweit dieser zu dem Ideal der eigenen Identität passt. Das erinnert sehr an das, was wir heute auf unseren Profilen in den Sozialen Netzwerken veranstalten. Wir haben dort die Möglichkeit, uns eine virtuelle Identität aufzubauen – und uns anderen Menschen gegenüber so zu präsentieren, wie wir uns selbst sehen wollen.

Der moderne Staat muss die individuellen Lebensentwürfe, die einzelnen Identitäten, die wir uns schaffen, schützen. Damit ist die reaktionäre Kampfgemeinschaft ganz und gar nicht einverstanden. Übrigens war diese politische Strömung früher keineswegs so auf Krawall gebürstet, was Opposition zum Staat anging. Ganz im Gegenteil. Die radikale Rechte fing erst an, dem Staat zu misstrauen, als dieser demokratisch wurde – und seitdem die Rechte von Minderheiten garantieren soll – und dies zunehmend auch praktisch tut.

Das dürfte auch Leuten wie Björn Höcke wohl weniger gefallen. Denn der spricht fast immer nur vom Volk. Nicht der einzelne Mensch, nicht das Individuum und seine Rechte sind die Kategorien, die in der extremen Rechten zählen, sondern das Kollektiv – und zwar ein Kollektiv, das man sich nicht aussuchen konnte oder durfte oder brauchte. Ein Zwangskollektiv. Das Deutschsein.

Wenn ich also angesichts der modernen Zeiten unsicher bin, was ich eigentlich bin und sein will, was ich für eine Identität aufbauen könnte, bleibt mir immer noch meine Nationalität als Rettungsring, an den ich mich klammern kann. Das ist allerdings nicht gerade viel, sondern eher ein bisschen arm – und daher wird drumherum ein möglichst pathetisches Weltbild aufgeblasen: Die Legende, es sei mutig sich als Deutscher zu bekennen und die deutsche Flagge zu hissen. Die Vorstellung, man sei als Deutscher besonders bedroht und unterdrückt – die Behauptung, dass man eine Pflicht habe, gegen angebliche Putschisten im Bundestag aufzustehen. Oder gegen Millionen von junger Männer…

Man sieht sich in einem apokalyptischen Endkampf, möchte so dem eigenen Dasein mehr Bedeutung verleihen. Ein Mechanismus, den man aus Faschismus und Islamismus kennt. Nur als Teil des Großen hat der Einzelne demnach seine Daseinsberechtigung. Eine Erzählung, die keineswegs nur bei der sogenannten Unterschicht zieht. Ganz im Gegenteil: Gerade viele durchaus gebildete Männer finden die Option, ihr vielleicht nicht ganz so aufregendes Leben durch so eine wilde Erzählung etwas aufzupeppen, sehr attraktiv. Viele fühlen sich offenkundig zu Höherem berufen.

DIE ROLLE DER MEDIEN

Doch wieso konnte diese Erzählung, die längst nicht nur Björn Höcke verbreitet, so wirkungsmächtig werden? Hier kommen die Mechanismen der Publikumsdemokratie ins Spiel.

Einfach und emotional – so funktionieren die Botschaften und Parolen von AfD, Pegida und auch Donald Trump in den USA. Einfach und emotional – das sind auch die besten Voraussetzungen dafür, dass ein Thema in vielen Medien gut läuft. Boulevard- und knallige Talkformate aber auch Social Media scheinen wie gemacht für Populisten: Wer am lautesten und schrillsten schreit, kann eine Dynamik der Aufregung in Gang setzen. So können sich Populisten mit gezielten Provokationen und vermeintlichen Tabubrüchen inszenieren und Skandalisierung herbeiführen. Wir haben ein mediales Biotop für Populisten geschaffen.

AfD-Chefin Frauke Petry schrieb in einer Mail an die Mitglieder, um sich medial Gehör zu verschaffen, seien „pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich“. Sie erst schüfen die notwendige Aufmerksamkeit für die Partei. Im zweiten Schritt könne man die eigene Position dann „sachkundig und ausführlicher“ darstellen.

Wobei sachkundig hier fehl am Platze erscheint. Vielmehr bedauert man bestenfalls, man sei falsch verstanden oder absichtlich fehlinterpretiert worden. Eine Entschuldigung, die keine ist, weil man sich nicht für die Äußerung entschuldigt, sondern bedauert, dass andere diese falsch verstanden hätten. So kann man sich weiterhin als Opfer inszenieren – und die nächste gezielte Provokation hinterherschicken, die die vorherige aber noch übertreffen muss. Die Debatte wird radikaler, die Rhetorik verroht.

Im US-Wahlkampf profitierte Trump von den Mechanismen der Publikumsdemokratie, die mediale Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde, hätte er sich auch für sein gesamtes Vermögen nicht erkaufen können. In Deutschland wurde der Aufstieg der AfD durch lautes mediales Getöse und Aufregung in den Netzwerken begleitet. Bei Facebook ist die AfD mit Abstand die stärkste Partei, was die Zahl der „Likes“ angeht – fast 300.000 nur für die Bundespartei. Eine effektive Strategie gegen die Populisten fehlt hingegen bislang – im Gegenteil: klassische Medien schauen immer stärker darauf, was „das Netz“ meint.

Doch vielleicht lässt sich der politische Schlagabtausch in den sozialen Medien einfach nicht effektiv führen oder sogar gewinnen, weil die Mechanismen zu sehr den Populisten in die Hände spielen? Vielleicht forcieren wir deren Aufstieg, weil viele Medienmacher überzeugt sind, sie müssten noch kürzer und knackiger berichten? Vielleicht müssen wir bei der kleinteiligen Auseinandersetzung mit Hasskommentaren den großen Kontext im Hinterkopf behalten – sie stärker als Ausdruck einer großen Bewegung verstehen, als Teil des reaktionären Narrativs? Und vor allem sollten wir nicht auf Wiederholungen hereinfallen. Leider eliminieren wir unsere Erinnerung gerade, weil die sozialen Netzwerke keine vernünftige Archivfunktion bieten. Kaum etwas von dem, was wir dort schreiben und erarbeiten und diskutieren, lässt sich später effektiv wiederfinden. Die sozialen Netzwerke sind sozusagen die Spitze der flüchtigen Moderne.

Und dann gibt es noch die vermeintliche Gegenstrategie, man müsse Ressentiments als Sorgen ernst nehmen. Ich denke, man sollte generell vor allem Menschen ernst nehmen. Und wenn ich jemanden ernst nehme, dann sage ich ihm auch, wenn er großen Mist erzählt. Man muss die Leute nicht als Pack beschimpfen, aber ihnen klar und deutlich widersprechen. Wenn man jemanden ernst nimmt, dann kann man ihn auch auffordern, ein politisches Anliegen vernünftig vorzutragen. Wer etwas zu sagen hat, der braucht nicht zu schreien.

Ich nehme beispielsweise Björn Höcke sehr ernst – denn er meint das, was er sagt, auch sehr ernst. Leute wie Höcke sind nicht einfach nur Witzfiguren, Irrlichter der Geschichte, die nicht wissen, was sie reden – sondern Ideologen reinsten Wassers.

Versuchen wir diese Ideologie zu benennen. Das erscheint zunächst schwierig, da die neue nationalistische Bewegung nicht eindeutig zu fassen ist. Man beruft sich auf verschiedene Vordenker, integriert Protestformen der Linken und stellt sich gerne als unpolitisch dar. Das ist allerdings nichts Ungewöhnliches. Umberto Eco stellte dazu fest, der Faschismus sei immer ein verschwommener, unscharfer Totalitarismus gewesen, der in sich zahlreiche Gegensätze trug. Allerdings gebe es einige Merkmale für einen „Ur-Faschismus“:

  • den Kult um Tradition
  • Daraus folgend: die Abwehr der Moderne, wobei sich diese weniger gegen technischen Fortschritt wendet, sondern gegen die Ideale der Aufklärung
  • den Kult um die Tat – Taten statt Worte, wie es beim NSU hieß
  • Misstrauen gegen Intellektuelle und gegen kritische Kultur
  • Streben nach Homogenität und Konsens – Meinungsverschiedenheit sind demnach ein Zeichen für Diversität. Faschistische Bewegungen wenden sich stets gegen Menschen, die man als Eindringlinge definiert.
  • Der Ur-Faschismus leitet sich ab aus individueller oder gesellschaftlicher Frustration.
  • Der Faschismus bietet Menschen, die sich verunsichert fühlen, eine eindeutige Identität – und zwar die Nationalität. Eine nationale Identität wird durch die Abgrenzung gegenüber inneren oder äußeren Feinden entwickelt. Beispiele: Antiamerikanismus, antisemitische Legenden – oder neuerdings die Erzählung, alle Muslime führten einen koordinierten Feldzug gegen Deutschland.
  • Die Auffassung, das Leben sei ein permanenter Kampf. Eine Vorstellung, die in Bürgerkriegsfantasien und Endzeitszenarien endet. Nach einem finalen Kampf werde der Gewinner der Sieger der Geschichte sein. Ein Element, das auch beim „Islamischen Staat“ eine zentrale Bedeutung hat.
  • Der Ur-Faschismus geht davon aus, dass ausschließlich der quantitative Wille der Mehrheit zählt, jeder muss dieser Mehrheit folgen. Individuen haben kein Recht an sich als Individuum, sondern nur als Teil der Gemeinschaft.

Eco stellt fest: Der Ur-Faschismus könne in verschiedenen Gestalten, Tarnungen und Verkleidungen auftreten. Unsere Aufgabe sei es, aufkommenden Ur-Faschismus zu enttarnen und zu bekämpfen. Es gebe zudem keinen Faschismus ohne einen rationalen, gewalttätigen Plan, um die Demokratie auszulöschen.

Wir haben in den vergangenen Jahren zugeschaut, wie dieser Plan von verschiedenen Akteuren inklusive eigenen Sprachcodes entwickelt worden ist. Im Netz. Auf der Straße. Nun auch in den Parlamenten. Alles vor unseren Augen.

Der Hass in den Netzwerken war dabei nur der Auftakt. Hier wird die Sprache längst nicht mehr genutzt, um miteinander zu diskutieren, sondern um Meinungsaustausch zu beenden, um politische Gegner zu bedrohen und zu diffamieren. Oft wird Sprache angepriesen, um Konflikte zu entschärfen. Redet miteinander – dann wird es auch eine Einigung geben, so heißt es gerne. Doch Sprache kann ebenfalls ein wirksames Instrument sein, um jede Kommunikation im Keim zu ersticken – durch Totschlagargumente und Killerphrasen. Die Sprache des Hasses will kein Gespräch auf Augenhöhe eröffnen, sondern jeden Austausch beenden und das Objekt des Hasses degradieren. Der Gegenüber wird nicht zum Reden, sondern zum Schweigen gebracht.

Es lässt sich nicht ansatzweise abschätzen, wie viele Menschen in Deutschland bereits durch gewalttätige Sprache, durch Beleidigungen sowie Drohungen, psychisch verletzt wurden – und mittlerweile lieber schweigen als ihre Meinung zu äußern, aus Angst vor weiteren Attacken – ob nun verbal oder sogar physisch.

Bildet die gewalttätige Sprache die derzeitigen Zustände ab – oder hat sie diese geschaffen? Was war zuerst da: Die gewalttätige Sprache oder die Gewalt auf den Straßen? Eine Henne-Ei-Frage – sprachliche und physische Gewalt bedingen sich, sie gehören zusammen.

All das, was Umberto Eco als Ur-Faschismus definiert hat, findet sich aktuell wieder – in Reden von Leuten wie Höcke, beim Hatespeech, in Leserkommentaren – und auch im Wahlkampf von Donald Trump. Die Ressentiments, die Hetze, das Kokettieren mit Gewalt – das alles sind keine Sorgen, keine demokratischen Meinungsäußerungen und auch keine Entgleisungen. Solche Erklärungen verharmlosen das Phänomen. Was wir sehen, lesen und hören – es ist die Sprache des Faschismus.

________________________________________

Dieser Text basiert auf einem Redemanuskript für den Zündfunk-Netzkongress. Hier das Video des Vortrags:

17 Kommentare zu „Flüchtige Moderne 2.0 – Der Hass als neue Konstante

  1. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Sprache ist eine Waffe und vielleicht die schärfste, die es gibt, in den Händen derer, die nicht aus der Geschichte lernen (wollen).

    Gefällt mir

    1. Hallo, ich stimme dir zu, was Höckes NPD-Ideologie angeht und auch in anderen Themen könnten wir inhaltlich wahrscheinlich größtenteils auf einen Nenner kommen.

      Du machst – wie viele, wie auch Hillary Clinton – allerdings einen riesigen Fehler, der sich in einem Halbsatz deines Beitrags schön herauskristallisiert:

      „Wir aufgeklärten und gebildeten und weltoffenen Menschen“

      Aus diesem Satz -wie auch aus anderen – spricht die ganze Verachtung und Demütigung, die die progressive, städtische vernetzte Elite mit Hochschulabschlüssen („Mainstream“, „Establishment“) den konservativeren, ländlicheren Menschen mit anderen Lebenserfahrungen, Sorgen, Einstellungen und Werten und Nöten entgegenschleudert. Das sind zum einen ökonomische Faktoren, aber nicht nur.

      Einige Beispiele:
      – Die potenziellen Empfängerinnen des Betreuungsgelds (bescheidene paar 100 Euro für Frauen mit klassischem Lebensmodell anstelle eines teueren Kitaplatzes) wurden mit Begriffen wie „Herdprämie“, „50er-Jahre“, „Heimchen am Herd“ verhöhnt, verspottet, gedemütigt. Man muss das Betreuungsgeld ja nicht unterstützen – ich kenne die Gegenargumente – aber diese Verachtung der linken Eliten für Menschen mit konservativen Lebensmodellen hat mich zutiefst erschüttert.

      – Die wahlentscheidenden Arbeiter aus dem Rust Belt und auch anderen Staaten der USA wurden oft als „White Trash“ bezeichnet, für ihre fehlenden Bildungsabschlüsse verachtet, als dumme, ländliche Trottel angesehen. Sie kamen in den linksliberalen Medien der Küstenstädte nicht vor (kein Wunder, dass sie sich irgendenwann Fox News und Breitbart zuwenden). Man muss ihre Lebenseinstellungen nicht übernehmen, ihre Werte und Ziele nicht teilen, aber sie haben ein Recht auf Respekt und Mitsprache.

      -Die Menschen, die sich mit „fremden“ Menschen und Kulturen schwertun, die sich Sorgen um einwanderungsverstärkte Kriminalität, Islamisierungstendenzen, Jobkonkurrenz, Wohnungsmangel machen (nicht alle diese Sorgen sein rein irrational, die man nur wegerklären müsse), wie auch immer wir das inhaltlich beurteilen, die werden sich nicht ändern, wenn wir sie alle zusammen in einen Sack mit hardcore-Nazis stecken schön feste draufhauen. Gesellschaftliche Veränderungen und deren Akzeptanz lassen sich nicht über Nacht von oben verordnen. Barack Obama, obwohl gesellschaftspolitisch sehr progressiv, hat das verstanden und war so intelligent, NIE Verachtung gegenüber konservativen Wählern zu äußern. Im Gegenteil, er hat einige sehr versöhnliche Reden gehalten und die Arbeiterschaften zur Urne gebracht, die sich Hillary jetzt verweigert haben.

      Das sind drei beliebige Beispiele, es gibt unzählige weitere.

      Ich sage nicht, dass das der einzige Faktor für Wahlsiege von Trump und Co sei, aber er ist auch nicht völlig von der Hand zu weisen.

      Man muss – aus wahlstrategischen Gründen, aber besser noch aus ehrlicher Einsicht – respektieren, dass man einige Wählergruppen mit einer Überbetonung von politischer Korrektheit (z.B. Bestehen auf „gendergerechter Sprache“) und einem zu schnellen, zu undifferenzierten, zu überfordernden gesellschaftlichen Wandel einerseits und einer Marginalisierung, Verachtung, Demütigung von Bevölkerungsgruppen, die nicht einer linksprogressiven, städtischen Elite mit Uniabschlüssen und Weltreisemöglichkeiten angehören, verschreckt. Denn diese wehren sich sonst – und werfen „politische Molotovcocktails“ in Form von Trump, AfD & Co zurück – genau auf die Eliten, die sie nicht Ernst genommen haben.

      Beste Grüße

      Gefällt 1 Person

      1. Deiner Perspektive folge ich bis ins Letzte.
        Hier ist der Schwerpunkt auf Menschlichkeit und eben nicht auf Bildungsfaschismus.
        Daraus ergeben sich logische Handlungsoptionen, fuer die man auch nicht staendig Wikipedia ueberall verlinken muss, wo dann sowieso keiner von denen draufklickt, die man damit erreichen moechte.

        Sehr schoen! Danke!

        Gefällt mir

  2. Zunächst Danke für den Text. Ich konnte dadurch einige neue Eindrücke und Einsichten in die Gedankenwelt der Rechtspopulisten gewinnen.

    Der Vorschlag, dem Gegenüber klar und deutlich zu widersprechen und zur sachlichen Diskussion aufzufordern, klingt in der Theorie erst einmal ziemlich dufte.
    In der Praxis bin ich damit aber bisher leider immer gescheitert.

    Es wurde im Text bereits festgestellt: Die Anhänger dieser Ideologie sind derart fest verankert in ihrer Filterblase, dass sie es schaffen, jeglichen Widerspruch zu ignorieren und aufkeimende Diskussionen sofort zu ersticken. Weiterhin wurde völlig korrekt festgestellt, dass Fakten und Berichte keinerlei Wirkung zeigen.

    Wie aber begegnet man solchen Menschen dann, wenn man um diese Problematik weiß? Können wir uns wirklich darauf verlassen, dass diese Art von Auseinandersetzung friedlich und im Diskurs zu lösen ist, obwohl offensichtlich ist, dass die Gegenseite an einem solchen Austausch keinerlei Interesse hat? Oder setzen wir uns damit in eine eigene Filterblase, die spätestens dann zerplatzt, wenn auf die Worte Taten folgen?

    Gefällt mir

    1. Lieber Jan,

      danke für das Interesse und deinen Kommentar. Ich fürchte, auch diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Aber reden kann helfen, wenn der Gegenüber nicht komplett vernagelt ist. Was meiner Erfahrung nach sinnvoll sein kann, sind Fragen zu stellen: Woher weißt Du das? Wer sagt das? Wer sind „die“? Wie funktioniert das konkret? usw. Die Leute müssen schon von selbst verstehen, dass sie es sich viel zu leicht machen.

      Zudem bin ich überzeugt, den Hasskommentaren, dem Rechtspopulismus sollte nicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Das klingt aus meinem Mund sicherlich merkwürdig, da ich mich als Fachjournalist ständig damit beschäftige, allerdings war ich nie dafür, über jedes Stöckchen zu springen und den Rechten die Diskurshoheit zu schenken. Für die kleinteilige Berichterstattung gibt es Fachmedien, nicht jede BachmannPetryGauland-Äußerung gehört aufs Titelblatt – Stichwort: Relevanz. Die neuen Rechten können die Themen bestimmen, wenn man jeden dusseligen Tweet von Frauke Petry skandalisiert ohne zu erklären, was daran eigentlich skandalös ist – weil viele Medien sich beispielsweise fürchten, Phänomene wie Rassismus oder Antisemitismus klar zu benennen.

      Statt sich also in Social-Media-Schlachten zu verlieren, wären konstruktive sowie kontroverse Debatten über reale und visionäre Politik hilfreicher. Dabei könnte beispielsweise ein Lagerwahlkampf 2017 helfen. Sollte es von Beginn an wieder auf eine Große Koalition hinauslaufen (und genau das wird bei der SPD geschehen, wie ich sie einschätze), hat die AfD leichtes Spiel, zu punkten.

      Viele Grüße,
      Patrick

      Gefällt mir

      1. @Jan: „Wie aber begegnet man solchen Menschen dann, wenn man um diese Problematik weiß? “

        Sicher nicht, in dem man den Denkverweigerern nachläuft und den Bart krault, wie es sich jetzt ja zumindest in den rechten Parteien als „Lösungsvorschlag“ zu etablieren scheint (was im Artikel unter „Und dann gibt es noch die vermeintliche Gegenstrategie, man müsse Ressentiments als Sorgen ernst nehmen“ angesprochen wurde). Und ja, ich denke, der Autor hat völlig recht damit, das abzulehnen und zu folgern „Ich denke, man sollte generell vor allem Menschen ernst nehmen“.

        Und ernst nehmen heißt, Ursachen und Wirkungen zu analysieren, weil sich auf diese Weise die negativen Konsequenzen am ehesten prognostizieren und minimieren lassen: So funktionieren Informationsverarbeitungen immer und haben sich damit bisher für die Menschheit auch als höchst erfolgreich erwiesen.

        Wir müssen also anfangen, die verbliebenen Vernünftigen zu versammeln – sie lassen sich einfach daran erkennen, dass sie noch argumentieren und nicht nur Platitüden abliefern. Und das wiederum lässt sich daran erkennen, dass sie auf verschiedene Argumente eben auch verschieden reagieren. Wenn man das einmal weiß, dann hat man ein regelrechtes „Messwerkzeug“, mit dem man bestimmen kann, ob sich die kostbare Zeit lohnt zur Diskussion oder wo man besser deeskalierende Maßnahmen ergreift, um Schlimmeres vorzubeugen.

        Während die anderen auf die Gewalt setzen, müssen wir auf Intelligenz setzen – mehr Methoden gibt es nicht für Informationsverarbeitungen und beide haben ihre „Vorteile“: Gewalt ist schnell und punktuell erfolgreich, freilich ohne Rücksicht auf Verluste und ohne die Möglichkeit, all das, was damit angestoßen wird, auch nur im Ansatz zu überblicken. Intelligenz ist dagegen Beobachtung und Weitsicht, das feine Triggern von kritischen Schaltern, um eine Situation in die gewünschten Bahnen zu lenken. Der geringere Energieaufwand, den solches Triggern erfordert, heißt dann auch, dass viel weniger Wirkung ins System gebracht wird und das heißt, dass sehr viel weniger nicht plangemäße Auswirkungen zu erwarten sind: Intelligenz ist zukunftstauglicher.

        Und wir müssen uns das zunutze machen, was die Naturwissenschaft so erfolgreich gemacht hat: Präzision in der Definition und Vorgehensweise.

        Denn das ist der Unterschied zwischen Mathematik und Umgangssprachen: Während letztere sich für die Vollständigkeit der Beschreibung entschieden haben und deshalb vage sind und sein müssen, um die ganze Welt beschreiben zu können, hat sich die Mathematik für Präzision entschieden. Sie ist so genau in der Beschreibung ihrer Objekte und deren möglichen Beziehungen, dass jeder und jede anhand der mathematischen Beschreibungen prüfen können, ob all die Folgerungen korrekt sind. Das gewährt eine Interpretationsunabhängigkeit, ohne die sich Konflikte nicht konstruktiv lösen lassen.

        An dieser Präzision und Interpretationsunabhängigkeit müssen wir uns endlich auch ein Beispiel für unsere Zusammenleben nehmen, denn ansonsten wird immer wieder passieren, was unseren Großvätern passierte und was jetzt wieder zu geschehen scheint:

        Demokratie ist nicht einfach nur eine moralisch wünschenswerte Form des Zusammenlebens, es ist die effizienteste in einem physikalischen, also messbaren Sinn – sonst hätte die Evolution kaum den intelligenten Spezies einen recht gut nachweisbaren Sinn für Gerechtigkeit (als die unverzichtbare Grundlage von Demokratie) mitgeben können. Wobei Effizienz nicht im Sinne der Ökonomen gemeint ist, die nur bilanzierbare Ressourcen berücksichtigen.

        Wir müssen nicht nur erkennen können, wer sich demokratisch verhält, also anderen dieselben Rechte und nicht nur Pflichten zugesteht wie sich selbst, wir müssen auch Beurteilungskriterieren für Interessenkonflikte ausarbeiten: Denn im Normalfall hat irgendwie ja jede(r) recht und genau hier müssen wir mit unseren Argumenten für die so abstrakt klingende Demokratie oder Zukunftstauglichkeit fähig sein, den Einzelfall zu lösen. Das geht nicht mit philosophischen Abhandlungen, das geht nur mit Präzision. Denn wenn wir das können, wenn wir Konflikte mit messbaren, verargumentierbaren Kriterien zur Interessenabwägung bearbeiten und nicht als emotionale Störfeuer, dann werden wir Menschen auch zur Kompromissfähigkeit zurückbringen können, dazu, auch einmal etwas aufzugeben im Namen der – wohlgemerkt – eigenen Zukunft. Denn sind wir doch mal ehrlich: Unsere Großeltern betonten immer wieder, dass Hitler doch auch Gutes getan habe, doch so wirklich erstrebenswert war das endgültige Resultat für uns Deutsche jetzt auch wieder nicht und wenn wir uns ansehen, was wir als Nachwehen der Gewaltverliebtheit verloren haben und was das für unsere jetzige Zukunft bedeutet, dann sehen wir, dass wir heute noch den Preis bezahlen. Denn es gibt nur Gewalt ODER Intelligenz und als wir uns damals für die Gewalt entschieden, verloren wir nicht nur Albert Einstein.

        Die Relativitätstheorie wurde noch in Deutsch geschrieben – doch die Sprache des Internet ist Englisch und wird höchstens noch Chinesisch. Und gerade die neuen Technologien haben nichts mehr mit uns zu tun, da sind wir nur noch zum Nachlaufen verurteilt.

        Sich also intelligent zu verhalten, die eigenen Ziele präzise zu definieren, die eigenen Interessen nicht bauchmäßig über die anderer zu stellen, sondern bewertbar zu formulieren und damit vergleichbar zu machen und vor allem, zu wissen, warum man sich überhaupt anständig verhalten soll, wenn doch ansonsten die Gewalt mit ihrem Recht des Stärkeren in Wirtschaft und Politik so verehrt wird, Demokratie nicht mit ihren Messwerkzeugen – wie Wahlen oder Anzahlen von Zustimmung – zu verwechseln und damit genau von Populismus unterscheiden zu können, hilft damit nicht nur den anderen (Neidalarm!), sondern vor allem uns selbst und unseren eigenen Kindern zu einem besseren Leben.

        Gefällt mir

      2. 🙂
        „Statt sich also in Social-Media-Schlachten zu verlieren, wären konstruktive sowie kontroverse Debatten über reale und visionäre Politik hilfreicher.“

        Und jemand anderes fuehrt an, dass „the bubble“ bei „denen da“ undurchdringlich sei.

        Das sehe ich nicht so. Ich habe mich verpflichtet mindestens 1x pro Woche auf der AfD FB-Seite einen Kommentar oder einen Kommentar zu einem Kommentar zu schreiben. Feundlich und konstruktiv.

        Ich bin uebrigens deshalb auch einer der 300.000 Likes der Seite und ich glaub, ich bin mit Abstand nicht die einzige, die sich informiert halten will darueber, was in dieser, mir fremden Blase geschieht.
        Also nicht den Mut verlieren angesichts der 300.000.

        Wenn mehr Menschen in diese AfD-Bubbel eindringen, wird sie durchlaessiger.
        Es kommt da auf jeden einzelnen Menschen an, davon bin ich ueberzeugt.

        Dabei ist zu vermeiden, Fakten geraderuecken zu wollen.
        Fakten bedrohen das Narrativ.
        Fakten sind verdaechtig: da will ein elitaeres Schwein mir was erklaeren und mich in meiner Unbildung entbloessen.
        Fakten sind zwischenmenschlich dort kontraproduktiv.

        70% Prozent der Deutschen wuerden keine Fluechtlinge im Land haben wollen – oder so aehnlich war ein heutiger AfD-Post.
        Da hilft es nicht, die Zahl anzuzweifeln oder zu relativieren.
        „Buergerwillen durchsetzen“ war der 2. Teil des Posts.
        Dazu liessen sich narrative Beispiele dafuer finden, dass es offensichtlich nicht gut ist, Buergerwillen durchzusetzen.

        Versteht Ihr? Weg von den Parolen locken und in eine Gegend bringen, in der Menschen mit durchschnittlichem EQ noch Mensch sein koennen und es auch wollen.

        macht Ihr mit? 1x die Woche bei der AfD mit kommentieren?

        Gefällt mir

  3. „Hatred is the coward’s revenge for being intimidated“
    George Bernard Shaw (Major Barbara III)

    schöne Analyse – und genau das ist das, was diejenigen intuitiv spüren, die jetzt richtig, richtig Angst bekommen haben.

    Da braucht sich keiner von Übersee zu mokieren, dass wir Deutschen so skeptisch sind und ständig Vergleiche ziehen, denn wir kennen das entweder aus eigener Erfahrung oder aus Schulbüchern und nicht zu vergessen, aus den Medien, besonders aus USA, die auf die Gräuel, die solchen Denkverweigerungen folgen mit viel Verachtung und Verwunderung herabgeschaut haben. Auch wenn die Kinder und Kindeskinder der Leute, die damals so versagt haben, keine Schuld tragen, so tragen sie doch die Folgen des Versagens – das, was „German Angst“ bezeichnet, ist nichts weiter als das Trauma der nächsten Generationen, denn so etwas endet nicht einfach mit der Tat selbst, das prägt sich in die Erinnerung und damit in die Handlungen ein und verändert die Welt.

    Der Grund, warum wir Deutschen uns immer noch anhören müssen, was unsere Großväter (und -mütter) an Unmenschlichkeit taten oder deren Bekämpfung durch Unterlassen unterstützten, ist für die meisten Ausländer vielleicht eher Triumph als Einsicht, aber genau das ist es, warum wir das uns und unseren Kindern weiter antun müssen – dieses Sich-Stellen der eigenen dunklen Vergangenheit – weil wir daraus lernen können: Wir können lernen zu sehen, wie es anfängt, weil man es nur am Anfang noch vermeiden kann, später ist es ein Tsunami, den keiner mehr aufhält.

    Und eine Lehre aus dieser Gräueln war, Ungerechtigkeit im Staat zu vermeiden – das soll der Ausgangspunkt für die soziale Marktwirtschaft gewesen sein, die unsere Politik zum Wiederaufbau des Landes aufgebaut hat.

    Menschen vergessen aber leider schnell – und so haben unsere staatsführenden Schichten auch vergessen, warum Gerechtigkeit (oder wenigstens eine Annäherung daran) so wichtig für ein Gemeinwesen ist.

    Und so ist es vielleicht auch kein Wunder, dass die moderne Kommunikationstechnologie nicht von Wissenschaft und Politik als Werkzeug für verbesserte staatstragende Bürgerbeteiligung genutzt wurde, sondern nur Privatinteressen zur Konsumsteigerung überlassen wurde: Statt der 10-Min-Demokratie (Martina Weisband) nur Advertisung, statt Konstruktion nur Verbrauch. Da ist es nicht wirklich ein Wunder, wenn ein solches Werkzeug zur Waffe wird.

    Gefällt mir

    1. Ja.
      was mir besonders bitter aufgestossen ist, war, dass in der ARD zum 9.11.(1938, klar) nix lief.
      Im Tagesspiegel am naechsten Tag war dann zu lesen, dass Rechtsextremisten am 9.11. eine Liste von juedischen Geschaeften in Berlin veroeffentlicht hatte.

      Also wenigstens die fanden das Datum noch erinnerungswuerdig.

      Ziemlich schlimm, wenn diese Verantwortung dafuer, dass es nicht noch mal geschieht, auch von dem Programmauswahl-Gremium der ARD nicht mehr mitgetragen wird.

      Gefällt mir

  4. Das Problem ist doch, daß unsere Regierungsparteien keine Utopie haben, keine positives Zukunftsbild. Die Parteien haben kein postives Ziel auf das sie hinarbeiten, sie stellen keine bessere Welt in Aussicht. Die gesellschaftlichen Herausforderungen werden nicht gestaltet, bestenfalls versucht man nach Möglichkeit den status quo zu erhalten. Mehr als zu versuchen die unabwendbaren Veränderungen zu bremsen können sie nicht und es ist völlig klar, daß das kein erfolgreicher Weg ist. Die Legacy-Parteien sind wie Rehe im Scheinwerferlicht: sie starren bewergungslos auf die sozialen und technischen Veränderungen und warten darauf überfahren zu werden.
    Dagegen setzen die radikalen Rechten ein positives Zukunftsbild: Sie versprechen sie machen Deutschland/Amerika wieder groß und mächtig und dann wird es dem Land und den Leuten wieder besser gehen.

    Gefällt mir

  5. Kleine Anmerkung: ich denke auch viele junge Frauen verfallem dem Faschismus.

    Gibt es auch Statistiken, die die Behauptungen des Textes belegen können?

    Insgesamt denke ich ein sehr umfassende und gelungene Erklärung des Problems. Danke dafür

    Gefällt mir

    1. vorab – ich will sicher nicht die traurigen Übereinstimmungen von Faschismus und dem gefühlt allgegenwärtigem ZurückInDieGuteAlteZeit von Rechten oder Islamisten bezweifeln, wenn ich freilich die Artikel und Kommentare der diversen Webseiten zu Trumps Erfolg lese, erinnert mich das immer mehr an die in allen historischen Zeitaltern aufflammenden Bücherverbrennungen.

      Hypatia muss einen ganz ähnlichen Hass erlebt haben wie der, der heute wieder offen durchs Netz turnen darf, als man ihr die Haut vom Leibe schabte mit Steinen – alles im Namen der Liebe, vermutlich, waren schließlich Christen. Doch in wessen Namen Wissensträger grausam hingerichtet werden, scheint mehr oder minder egal zu sein, die berüchtigte Kulturrevolution vor 40 Jahren geschah im Namen des Volkes.

      Was damals beim Brand der Bibliothek von Alexandria oder im alten Kulturvolk China an Wissen verloren ging, ist gar nicht abzuschätzen, war aber nur eines von vielen traurigen Ereignissen, mit denen eine tobende Masse Mensch alles und jede(n) vernichtete, der ihr schlicht nicht passte, egal, wie großartig es ist. Oder vielleicht erzeugt gerade das Großartige den Hass?

      Wir – oder wenigstens viele von uns – waren so entsetzt, als die Islamisten die Buddha-Statuen zerstörten oder Palmyra, doch in mir wächst das mulmige Gefühl, dass wir geradewegs auf die nächste Bücherverbrennungs-Zeit hinstürmen.

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.