Der 49-Jährige, der in Bayern vier Polizisten teilweise schwer verletzt hat, gehört zum Milieu der „Reichsbürger“. Als solcher war er auch in der Bewegung vernetzt, trat offen in Videos auf, in denen sein Konflikt mit Behörden-Mitarbeitern und Polizisten dokumentiert wurden. Zudem legte er eine Art „Reichsbürger“-Eid ab, der offenbar von Gesinnungsgenossen unterzeichnet wurde.

Ein Einfamilienhaus in Georgensgmünd in Mittelfranken – eine scheinbar heile Welt – wären da nicht die gelben Linien am Boden, die die Grenze des Grundstücks markieren sollen. Hier beginnt das Reich von Wolfgang P., hier gelten seine eigenen Gesetze. Das meint er zumindest – und verteidigt diese Vorstellung auch gegen Mitarbeiter von Behörden oder Polizisten.

Auf seinem Facebook-Profil lässt sich nachverfolgen, wie Wolfgang P. tiefer und tiefer in die „Reichsbürger“-Bewegung und in eine wahnhafte Welt abdriftet. Nur einen Tag vor den Schüssen auf die Polizisten teilte er einen „Weckruf an die Bevölkerung“, in dem die Menschen aufgefordert werden, eine Initiative zu unterstützen, um „die Eroberungsfeldzüge der USA in unserer europäischen Nachbarschaft zu beenden“. Denn „während sich ganz Deutschland aufgrund der Flüchtlingskrise im Ausnahmezustand befindet, bereitet man sich im Geheimen auf einen neuen Weltkrieg vor“.

Das Facebook-Profil von P. wird dominiert von Beiträgen, die er von verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Seiten übernimmt. Am 16. Oktober teilte er eine Bild-Collage, die Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck und mehrere Bundesminister auf der Anklagebank der Nürnberger Prozesse zeigt. Ein Motiv, das in der neuen reaktionären Kampfgemeinschaft quasi ein Klassiker ist. Die Botschaft ist klar: Die Spitzenpolitiker seien die neuen Nazis, man selbst im Widerstand, bei dem alle Mittel zulässig seien.

Screenshot von Wolfgang P.s Facebook-Seite
Screenshot von Wolfgang P.s Facebook-Seite

Zudem teilte er eine Internet-Seite aus Österreich zur „Lebendbildung“ – diese sei „Voraussetzung für die Anmeldung beim Staatenbund Österreich, denn im Staatenbund Österreich gibt es keine Personen mehr, sondern nur lebendige Menschen.“

Hintergrund ist die bei „Reichsbürger“ verbreitete Vorstellung, der Mensch sei durch den Personalausweis zum Personal der BRD GmbH degradiert worden und habe keine Rechte. Offenbar folgte auch Wolfgang P. dieser Idee, im April veröffentlichte er auf Facebook das Foto eines handgeschriebenen Briefes, unterzeichnet von zwölf Zeugen. Dieser Eid soll belegen, dass der jeweilige Mensch lebe und keine „Person“ sei. Abgelegt hatte er den Eid dem Brief zufolge bereits im Januar 2016. Möglicherweise war die Veröffentlichung auf Facebook eine Art „Coming out“ für Reichsbürger.

Eid
Eid

Videos veröffentlicht

In den folgenden Monaten lieferte sich Wolfgang P. bereits verbale Auseinandersetzungen mit Polizisten und Behörden-Mitarbeitern, die wegen nicht geleisteten Steuerzahlungen bei dem Reichsbürger vorstellig wurden.

Videos im Netz zeigen, wie der 49-Jährige die Polizisten und Beamten bereits auf der Straße abfing und sie darüber belehrte, sie sollten nicht seinen Staat betreten. Sie hätten bereits eine Grenzverletzung begangen. In dem Video wird auch eine Fahne mit einem Wappen des Fantasie-Staates gezeigt.

Wolfgang P. (Mitte) erwartet bereits Polizisten und Behörden-Mitarbeiter. (Screenshot YouTube)
Wolfgang P. (Mitte) erwartet bereits Polizisten und Behörden-Mitarbeiter. (Screenshot YouTube)

Die Auseinandersetzung des bayrischen „Reichsbürgers“ mit deutschen Ämtern hatte also eine lange Vorgeschichte. P. zahlte laut Medienberichten keine Kfz-Steuer, in seiner Gemeinde meldete er sich demnach offiziell ab – blieb aber in dem Haus wohnen, das ihm gehört. In Anbetracht dieses Verhaltens entschied das Landratsamt, P. als unzuverlässig einzustufen und ihm den Waffenschein zu entziehen, was nun in einem Fiasko endete.

Offenbar hatte die Polizei die radikale Weltsicht von P. noch unterschätzt. Kurz nachdem sie ins Haus eingedrungen waren, begann der Jäger und Sportschütze durch eine Tür aus dem ersten Stock herunter zu schießen, ein Polizist wurde lebensgefährlich verletzt, er wurde dreimal getroffen. Einem weiteren Polizisten durchschoss P. den Oberarm, zwei Polizisten wurden durch Glassplitter verletzt. P. selbst blieb unverletzt. Er hatte sich eine schusssichere Weste übergezogen.

Wolfgang P. war kein Unbekannter im Milieu der Reichsbürger, aber offenbar auch kein Wortführer. Ein einsamer Wolf also? Das bleibt unklar. Offenbar hatte P. In den vergangenen Monaten Gleichgesinnte gefunden. Inwieweit diese in seine mutmaßlichen Pläne zur Verteidigung „seines“ Staates eingeweiht waren, müssen die anstehenden Ermittlungen zeigen.

Ein Kommentar zu „Reichsbürger Wolfgang P.: Bürgerkrieg statt KFZ-Steuer

  1. Warum akzeptiert so ein „Reichsbürger“ einen Waffenschein eines aus seiner Sicht illegitimen Staates?
    Wie schaut es mit seinem Führerschein aus, den doch vermutlich eine Behörde eben jenes Staates ausgestellt hat, den er für gar keinen Staat hält?
    Warum nutzt er die Infrastruktur dieses aus seiner Sicht illegitimen Staates (Straßen etc.)?
    Warum steht sein Haus auf dem Territorium dieses nach seiner Meinung rechtlich gar nicht existierenden Staates? Ist sein Haus oder das Grundstück, auf dem es steht, somit illegal?
    Und was macht eigentlich einen Staat aus, was sind dessen Eigenschaften aus Sicht so eines „Reichsbürgers“?

    Zum Begriff „Person“:
    „Es ist ein philosophischer Begriff, der die Einzigartigkeit jedes Individuums der Menschenart ausdrückt …“ (Wikipedia).
    Somit sind wir Menschen dann wohl Personen.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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