Drei Spiele, drei Niederlagen: Der FC St. Pauli hat in der Saison 2016/17 einen klassischen Fehlstart hingelegt. Kein Grund, unmittelbar panisch zu werden; aber auch kein Anlass, sich gelassen zurückzulehnen.

Eine Prognose für die Saison schien und scheint immer noch schwierig. St. Paulis Kader gleicht einer Wundertüte. Vielversprechenden Neuzugängen wie Aziz Bouhaddouz sowie großen Talenten wie Marvin Ducksch, Cenk Sahin oder Richard Neudecker stehen schmerzhafte Abgänge entgegen. Mittelstürmer Thy war zwar kein klassischer Goalgetter, aber der erste wichtige Abwehrspieler – und kam immerhin auf neun Treffer. Die Doppelsechs Rzatkowski und Alushi gaben dem St. Pauli-Spiel zumeist die notwendige Stabilität und Struktur. Auch wenn viele gerne und oft über Alushis Ballgeschleppe klagten: Seine Pässe kamen präzise an – und durch seine Ballsicherheit nahm er oft Zeit von der Uhr, verschaffte dem Team Verschnaufpausen oder verlagerte vernünftig das Spiel.

Diese Abgänge auf der Sechs wurden nicht ansatzweise ausgeglichen. Christopher Avevor wurde zwar verpflichtet – und bei Fortuna Düsseldorf zeigte er einige starke Spiele  auf dieser Position, doch schon jetzt bestätigte sich, dass Avevor zwar körperlich robust ist, doch spielerisch kein Ersatz für Alushi und Rzatkowski sein kann.

Nun wird munter rotiert, was die Position angeht. Spieler wie Nehrig oder Dudziak, die in der vergangenen Saison kaum oder nur gelegentlich überzeugen konnten, sollen es nun richten, Buchtmann wurde als neuer „Ratsche“ ausprobiert, doch wird er eigentlich auch für das zentrale Mittelfeld benötigt. Zudem hat St. Pauli mittlerweile eine ganze Reihe von Flügelspielern im Kader;. Marke: eher klein, wendig, technisch stark – aber die meisten leider wenig torgefährlich und schwankend in den Leistungen.

Überhaupt die Torgefahr: Die Abgänge Rzatkowski, Thy und Maier hatten in der vergangenen Saison 19 der 45 Tore erzielt, dazu kamen zahlreiche Vorlagen. Offenbar ist der Umbruch also weit größer, als es angesichts der Zahl der Ab- und Zugänge zunächst erscheint. Die Frage drängt sich auf, ob das wirklich nötig war. Denn nach Aussagen von Sportchef Thomas Meggle, zitiert in der BILD vom 7. Mai 2016, müsse der Verein keine Ablösesummen generieren. Mit anderen Worten: Man hätte den vom Kicker zum besten defensiven Mittelfeldmann der Liga gekürten Rzatkowski nicht verkaufen müssen. Auch Alushi hätte man wohl halten können.

Besorgniserregend ist zudem, dass auch die Defensive wackelt. Das Prunkstück der Mannschaft, die Viererkette Hornschuh – Sobiech – Ziereis – Buballa, glänzt nicht mehr wie gewohnt. Neuzugang Hedenstad verdrängte Hornschuh zunächst, zeigte allerdings defensive Schwächen. Beim Auswärtsspiel in Dresden stand er nicht einmal mehr im Kader, möglicherweise verletzt?. (Nachtrag: Hedenstad war krank.)

Damit wären wir beim Trainer. Die Leistungen von Ewald Lienen beim FC St. Pauli stehen vollkommen außer Frage, er hat hier ganz Großes geleistet. Nach drei Spielen „Trainer raus!“ zu brüllen, wie es in einigen Netzdiskussionen bereits geschieht, ist lächerlich. Ein paar Fragen sind aber dennoch erlaubt. Lienen wollte offenbar ein 4-4-2 System einstudieren. Doch in Dresden setzte man wieder auf das 4-2-3-1, das mehr defensive Stabilität garantieren soll. Auch die Rotation in Mittelfeld und Abwehr sorgte bei vielen Fans für Fragezeichen. Ewald sucht nach einer Stammformation. Was dabei zu fehlen scheint, ist ein klares Offensivkonzept. Die Mannschaft wirkt wenig eingespielt. Das ist nach einer ruhigen Sommerpause mit viel Planungssicherheit zumindest fragwürdig.

Dem FC St. Pauli fehlt weiterhin mindestens ein gestandener Mittelfeldspieler; ein Spieler, der das Spiel in die Hand nimmt, ordnet und antreibt, dazu Torgefahr zeigt (bei Buchtmann leider nur in homöopathischer Dosis zu erkennen). Niemand erwartet Zauberfußball beim FC St. Pauli, aber die Heimspiele sind nicht selten grausam anzuschauen. So lange die Ergebnisse stimmen, nimmt man das gerne in Kauf – doch nun stimmen auch die Ergebnisse nicht mehr. Gegen Braunschweig hätte es auch eine weit bösere Klatsche geben können.

St. Pauli hat durch die Abgänge von Ante Budimir, Marcel Halstenberg und Marc Rzatkowski mehrere Millionen Euro eingenommen; Geld, das offenbar nur teilweise in den Kader reinvestiert wurde, beispielsweise durch Vertragsverlängerungen mit Leistungsträgern wie Lasse Sobiech. Möglicherweise bekommt man nun die Quittung dafür. Oder Zettel-Ewald zaubert wieder und formt eine neue Einheit. Über mangelnde Spannung dürfte man sich am Millerntor beim nächsten Heimspiel gegen Arminia Bielefeld auf jeden Fall nicht beklagen dürfen. Do it again, Ewald!

Ein Kommentar zu „Quo vadis, FC St. Pauli?

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