Beatrix von Storch trendet bei Twitter. Mal wieder hat die AfD-Politikerin mit minimalen Aufwand einen maximalen Effekt erreicht: Ihr Tweet zur deutschen Nationalmannschaft nach dem Ausscheiden im EM-Halbfinale gegen Frankreich zeigt exemplarisch, wie das Wechselspiel aus Provokation und Empörung funktioniert – und in welcher Zwickmühle viele andere Nutzerinnen und Nutzer sind.

Die Frage lautet: ignorieren oder widersprechen? Jan Böhmermann brachte den Widerspruch auf den Punkt, ob nun gewollt oder ungewollt:

„Lasst uns alle zusammenhalten und Beatrix von Storch einfach mal ignorieren.“

Ein Widerspruch in sich, immerhin hat Böhmermann von Storch wegen ihres Tweets nicht einfach ignoriert – versucht aber, eine Meta-Ebene einzunehmen. Als Social-Media-Profi will er seinen Einfluss nutzen, um einen neuen Umgang mit Populisten a la Petry zu implementieren. Ignorieren statt empören.

Doch was passiert, wenn man solche Provokationen unwidersprochen lässt? Werden solche Aussagen, die ganz offenkundig rassistisch gemeint sind, dann nicht noch „normaler“? Werden sie damit zu einem akzeptierten Teil der Diskussion? Auch das kann nicht die Lösung sein.

Das Problem ist noch komplizierter, es ist in den Mechanismen der sozialen Netzwerke angelegt. Die Möglichkeiten von Social Media spielen den Strategien von Populisten in die Hände. Einfach und emotional – das sind die besten Voraussetzungen dafür, dass ein Thema in sozialen Medien gut läuft – und dies entspricht exakt dem Politikkonzept von Populisten, die auf simple Antworten und vor allem diffuse Emotionen setzen.

Die AfD profitiert wie keine andere Partei von den Mechanismen auf dem neuen Markt der Meinungen. Bei Facebook ist sie mit Abstand die stärkste Partei, was die Zahl der „Likes“ angeht. Und die AfD kann auch in den klassischen Medien immer wieder eine mediale Aufmerksamkeitsspirale in Gang setzen. Ihren Protagonisten kommt dabei die Rolle von vermeintlichen Tabubrechern zu, deren Behauptungen entkräftet werden müssten. Die knackigen Parolen sind medial optimal zu transportieren und bieten deutlich mehr Empörungspotenzial als ausgewogene Debattenbeiträge.

Soziale Medien scheinen daher wie gemacht für Populisten: Wer am lautesten und schrillsten schreit, kann eine Dynamik der Aufregung in Gang setzen. Ob Farage, Petry, Gauland, Le Pen oder Trump – die Namen sind austauschbar, die Funktionsweise bleibt gleich: Populisten inszenieren sich mit gezielten Provokationen und Tabubrüchen in der modernen Mediengesellschaft optimal und immer wieder.

Empörung allein hilft nicht

Das effektivste Mittel gegen Provokationen ist keine Empörung, so verständlich sie auch sein mag. Wichtiger ist es, solchen Provokationen klar und unaufgeregt zu widersprechen und sie als das zu benennen, was sie sind: ein billiger Trick, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Einfach ignorieren hilft wohl nicht.

Die Funktionsweisen von Social Media sind allerdings auch nicht gottgegeben, sondern von Menschen geschaffen. Genauer gesagt: Viele von uns, die aufklären und erklären wollen, sind oft genug dabei, um zu gaffen – eine Art politischer Katastrophentourismus. Zwar wird vom interessierten Publikum zudem gerne und oft hintergründiger und nachhaltiger Qualitätsjournalismus angemahnt – doch Inhalte im Häppchenformat mit Empörungspotenzial versprechen weit mehr Aufmerksamkeit und höhere Reichweite. Die Nachfrage regelt das Angebot – auch im Journalismus.

Ein Kommentar zu „Politischer Katastrophentourismus

  1. „Ein Widerspruch in sich, immerhin hat Böhmermann Petry wegen ihres Tweets nicht einfach ignoriert (…)“ – Petry? Oder von Storch?

    von Storch. Danke und Gruß, PG

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