Nach dem Brexit ist vor dem Brexit – mit dieser abgewandelten Fußballerweisheit lässt sich die derzeitige Lage in Großbritannien nach dem EU-Referendum umschreiben. Offenbar sind die Gewinner noch mehr als die Verlierer über das Ergebnis erschrocken. Denn nun müssen sie raus aus der Fundamentalopposition und Verantwortung übernehmen. Ein Graus für Populisten.

Dementsprechend haut Nigel Farage, Anführer der UKIP und seit vielen Jahren Abgeordneter des EU-Parlaments, auch lieber weiter auf die populistische Pauke. Er beleidigte die Europaparlamentarier, indem er behauptete, „fast niemand“ von ihnen sei „je einem vernünftigen Job“ nachgegangen. Auf Twitter freute er sich danach darüber, dass er im Parlament Tumulte ausgelöst hatte und dass mehr als eine Million Menschen seinen Auftritt auf Facebook live verfolgt hätten. Politischer Erfolg wird in Reichweite und Zugriffszahlen gemessen – prägnanter lässt sich Populismus nicht fassen.

Eine Million Zuschauer bei Facebook, aber keine einzige konkrete Idee, wie es weitergeht. Farage und andere Brexit-Befürworter wollen nun Freihandelsabkommen mit der EU und Großbritannien schließen. Das Problem: Eine britische „Rosinenpickerei“ werde es nicht geben, stellte Kanzlerin Merkel fest. Auch andere europäische Politiker betonten, dass Großbritannien nicht die Rechte genießen, die Pflichten aber einfach abstreifen könne.

US-Präsident Obama stellte süffisant fest, dass einige Leutchen in Großbritannien bereits zu wissen meinen, was die USA nach einem Brexit täten. Als Präsident werde er nun sagen, dass man durchaus mit London über ein Freihandelsabkommen verhandeln könne, allerdings genieße die EU als Partner absolute Priorität, während sich Großbritannien „am Ende der Schlange“ anstellen müsse.

Auch einige Parolen der Brexit-Kampagne fielen bereits in sich zusammen. Rechtspopulist Farage kassierte eines der Versprechen der EU-Gegner kurz nach dem Votum wieder ein: 350 Millionen Pfund wöchentlich (!) sollten statt an die EU künftig ins staatliche Gesundheitswesen fließen, hieß es in der Brexit-Kampagne. Das könne er nicht garantieren, sagte Farage kurz nach dem Referendum. Auch die Zahl 350 Millionen Pfund sei falsch gewesen, musste er einräumen. Der Londoner Ex-Bürgermeister Johnson hatte sich diese Zahl sogar auf einen Kampagnen-Bus kleben lassen. Seit dem Brexit-Referendum begibt sich Johnson hingegen plötzlich recht kleinlaut in Deckung.

Ganz so einfach, wie es die Brexit-Befürworter glauben machen wollen, wird es also nicht für Großbritannien. UKIP-Frontmann Farage räumte denn auch ein, es könne eine leichte Rezession geben, mit dem Brexit habe das aber nichts zu tun.

Stattdessen sprach er von den großen ökonomischen Möglichkeiten Großbritanniens – vergaß dabei aber zu erwähnen: Die wichtigsten britischen Handelspartner sind EU-Staaten wie Deutschland oder Frankreich sowie die USA.

EU-Abgeordnete der AfD musste vor Glück weinen

Auch in Deutschland wissen die Populisten nur bedingt etwas mit dem Brexit anzufangen. Während Beatrix von Storch, ihres Zeichens AfD-Abgeordnete des Europaparlaments, die Welt wissen ließ, sie habe aus Freude über das EU-Referendum weinen müssen, forderte die AfD vorsichtshalber erst einmal, EU-Kommissionspräsident Juncker sowie Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, müssten zurücktreten. Warum auch immer. Ein wenig Aktionismus kann aber wohl nie schaden.

Die AfD-Rechtsaußen wittern zudem Morgenluft im Abendland und halten an ihrer Forderung nach einem sofortigen Referendum zum Austritt Deutschlands aus der EU fest. Andere AfD-Funktionäre wollen die EU zunächst reformieren, irgendwie. Und wenn dies nicht gelänge, möglicherweise über einen Austritt abstimmen lassen. Im AfD-Grundsatzprogramm heißt es zu der Zukunft der EU recht schwammig:„Wir befürworten ein flexibles Netzwerk europäischer Staaten, an   dem    jeder   europäische           Staat jeweils nach seinen  Möglichkeiten teilnehmen“ könne.

Populismus im Crashtest

Die Populisten haben nach dem Brexit ein Problem: Sie können sich nicht weiter zurücklehnen und krakeelen, die EU sei sowieso an allem schuld. Vielmehr müssten sie jetzt in die Realpolitik einsteigen; die jüngsten Auftritte von Farage lassen aber eher vermuten, dass man sich weiter vor Verantwortung drücken wird.

In Deutschland proklamiert die AfD derweil weiter für sich „Mut zur Wahrheit“ – mutig wäre es, wenn sie nun einräumen würde, was offenkundig ist: Die Populisten haben keinen Plan. Sie können nur zerstören. Den Schaden begrenzen, die Scherben zusammenkehren – das überlassen sie anderen.