Der Ex-Profifußballer Michel Dinzey hat durch ein Posting in sozialen Medien für Aufsehen gesorgt: Der frühere Bundesliga-Spieler veröffentlichte ein Foto von einer Demonstration in Einsiedel, auf der er das Fronttansparent hält. Der Marsch wurde von einer Bürgerinitiative organisiert, die offenkundig Pegida nahesteht.

„*Friendly Wednesday protest with friends* in Einsiedel, Thuringen, Germany“ – so überschrieb Dinzey sein Posting bei Facebook. Einsiedel liegt zwar bei Chemnitz in Sachsen und so freundlich scheint der Protest auch nicht zu sein, doch Dinzey weist jede aufkommende Kritik an der Teilnahme an der Demonstration zurück. „Was mich dazu bewogen hat:  Einfach das Interesse über diese Mittwochsdemo.“

Dinzeys Facebook-Seite (Screenshot)
Dinzeys Facebook-Seite (Screenshot)

Und weiter: „Es heißt ständig, in Sachsen ist alles rechts oder vieles! Ich kann das nicht bestätigen, zwar habe ich schon verwunderte Blicke gesehen aber ich bin in guten Gesprächen gewesen. Übrings, bei 1500 Menschen, ist mir persönlich nichts Rechtes entgegen gekommen.“

„Königin der Schlepper“

Eine bemerkenswerte Aussage, denn ein Foto bei der Dresdner Morgenpost zeigt, dass direkt hinter Dinzey zwei Plakate des Magazins „Compact“ hoch gehalten werden: auf dem einen ein Bild von Merkel, die wie ein seelenloser Zombie schaut, dazu eine Horde bedrohlich wirkender Männer, die offenkundig Flüchtlinge sein sollen. Darüber prangt der Spruch: „Die Königin der Schlepper – wie Merkel Millionen ins Land holt“. Ein typisches Motiv der nationalistischen Bewegung in Deutschland, die sich durch das Feindbild Flüchtlinge vereint hat.

Daneben ist ein weiteres Compact-Motiv zu sehen: „Asyl. Die Flut – so wird Deutschland abgeschafft“. Dabei handelt es sich um das Titelbild einer „Compact-Spezial“-Ausgabe,  die, so die Beschreibung in einem neurechten Verlag, „sich ganz dem Wahnsinn“ der Flüchtlings- und Einwanderungspolitik widmet. Mit der aktiven Formulierung „so wird Deutschland abgeschafft“ wollen die Herausgeber suggerieren, dass Flüchtlinge absichtlich nach Deutschland geholt würden, um einen „großen Austausch“ durchzuführen. Eine allumfassende Verschwörungslegende, die auch nicht durch die mittlerweile restriktive Flüchtlingspolitik erschüttert wird. Wahn schlägt Realität.

Rechte Zivilgesellschaft: Hetze gegen Flüchtlinge auf Facebook
Rechte Zivilgesellschaft: Hetze gegen Flüchtlinge auf Facebook

Zurück zu Dinzey: Auf dem Fronttansparent, das er trug, hieß es: „Übt Kritik an der absurden Politik.“ Die Frage, welche Kritik man an welcher „absurden“ Politik üben solle, ließ er auf Nachfrage bei Facebook unbeantwortet – allerdings ergibt sich die Antwort aus den „Compact“-Plakaten und dem Kontext der Demo. Denn diese wurde von Bürgerinitiativen gegen ein Erstaufnahmelager in Einsiedel organisiert. Hier ist eine rechte Zivilgesellschaft gewachsen, man ist generell gegen Flüchtlinge und strikt für Russland, wie sich in einem Demo-Aufruf auf der Facebook-Seite von „Einsiedel sagt NEIN zur EAE“ zeigt:

Die Truppenbewegungen gen Osten, die täglichen Übergriffe auf Deutsch von Asylbewerbern, all das kann uns doch nicht kalt lassen!

Auf der Seite werden Horrorgeschichten über Flüchtlinge verbreitet und man teilt das Logo von „Pegida Chemnitz & Westsachsen.“ Der Journalist  Johannes Grunert sagte dem Netz gegen Nazis zu Einsiedel:

Die Proteste sind in Einsiedel sehr stark verankert – so stark, dass sogar Menschen bedroht wurden, weil sie nicht zur Demonstration gehen wollten. Eine Teilnahme wurde regelrecht erwartet. […] Eine reale und glaubhafte Distanzierung von Nazis findet in Einsiedel nicht statt, bloß Bekenntnisse wie  „Wir sind halt keine Neonazis“. Es wurde niemand von den Demonstrationen ausgeschlossen. Es hatten zum Beispiel Neonazis des „III. Weges“, deutlich erkennbar an Jacken, teilgenommen (vgl. Freie Presse).“

Man muss schon mit einer gehörigen Portion Ignoranz ausgestattet sein, wenn man behauptet, sich angesichts dieser Vorgeschichte nur unvoreingenommen ein Bild machen zu wollen – und dann verkündet, da sei nichts „rechtes“ zu erkennen – obwohl hinter einem zwei „Compact“-Plakate hochgehalten werden. Von der Facebook-Gruppe usw. ganz zu schweigen.

Oder ist es eben keine Ignoranz? Vielmehr scheinen Hetze gegen Flüchtlinge, das Geraune von der „Lügenpresse“ sowie einer „rotgrünversifften Merkel-Diktatur“ in Teilen der Bevölkerung einfach mittlerweile vollkommen normal zu sein, so dass die Kritik daran überhaupt nicht verstanden wird. Weil es normal ist, könne das Treiben nichts mit Rassismus zu tun haben, so die Denkweise. Hier fehlt offenkundig ein grundsätzliches Verständnis von garantierten Menschenrechten, sozusagen das kleine Einmaleins des Humanismus.

„Das Volk“ will direkte Demokratie – sofort!

Dazu hat sich ein Demokratieverständnis etabliert, welches auf den Gegensatz zwischen Parlament und „Volk“ setzt. Demnach müsste sich „die Politik“ nach dem Willen der Demonstranten richten, die durch Sachsens Straßen ziehen; immerhin sei man doch das Volk, wie man sich selbst und anderen immer wieder lautstark versichern will.

Eine offene Kommunikation, geschweige denn eine sachliche Debatte oder eine gemeinsame Suche nach Positionen, die verschiedene Interessen befrieden, all dies ist gar nicht mehr denkbar. Man verschanz sich hinter Textbausteinen und radikaler Rhetorik. Die Kommentare auf Dinzeys Facebook-Seite belegen dies. Ein Michael P., der gerade eine Petition zum Verbot der Grünen unterzeichnet hat, schreibt:

Kopf hoch Michél, die Hater haben keine Ahnung und quatschen wirres Zeug. Man sieht die zwangsfinanzierte Medienmafia wirkt gut im Westen, die nächste Steigerung ist dann das Jubelgeschrei wenn unsere ach so tolle Regierung zum Krieg gegen Russland ruft.

St. Pauli-Fans fordern Rauswurf

Das scheinen also Dinzeys Freunde zu sein. Viele Fans des FC St. Pauli reagierten entsetzt, in Foren wird bereits gefordert, Dinzey solle aus der Jahrhundertelf des Hamburger Zweitligisten geworfen werden. Denn das antifaschistische Selbstverständnis gehört zur DNA des Vereins und seiner Anhänger – und dazu gehört keine Toleranz gegenüber der Intoleranz.

Der Fall Dinzey: Ein Ex-Fußballer, der offenbar von Politik weniger Ahnung hat als Angela Merkel vom 4-2-3-1-System – und dessen Geschichte viel über die politischen Verwerfungen sowie Irrungen und Wirrungen dieser Tage erzählt. Das Netz gegen Nazis berichtete, Chemnitz-Einsiedel versuche sich als zivilgesellschaftliche widerständiger Ort zu profilieren – gegen Geflüchtete. Dabei versuchten verschiedene Gruppierungen, alle Bürger_innen-Schichten anzusprechen. Die Teilnahme eines Ex-Bundesligaspielers dürfte bei diesen Bemühungen ein Meilenstein gewesen sein.

Tatsächlich halten sich Dinzey sowie viele „besorgte Bürger“ offenbar nicht für rechts, sondern für ausgesprochen rebellisch, wenn sie gegen Flüchtlinge auf die Straße gehen. Ihr Irrtum könnte nicht größer sein.

Nachtrag: Dinzey hat die beiden betreffenden Einträge mittlerweile kommentarlos gelöscht. Stattdessen verkündet er nun, er sei „und werde nie rechts sein. Ich habe selber genug Projekte, wo es um Flüchtlinge geht. Es ist nicht zu entschuldigen, zumindest das Foto machen zu lassen von mir mit dem Plakat. “

Zudem versucht jetzt AfD-Politikerin Beatrix von Storch aus der Geschichte Kapital zu schlagen. Man kennt das mittlerweile.

Nachtrag II vom 1. August 2016: Mittlerweile hat der Verein reagiert und Dinzey aus seiner Altliga ausgeschlossen.

rechtehetze

 


Von Patrick Gensing ist im Mai das E-Book „Rechte Hetze im Netz“ im Rowohlt-Verlag erschienen.

2 Kommentare zu „Von St. Pauli nach Einsiedel: der Fall Dinzey

  1. abseits des Themas, weil ich regelmäßig drüber stolper:
    was soll das mit der „DNA eines Vereines“?
    halte das für ein unpassendes Bild.
    ästhetisch fragwürdig eh

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