Er vermischt Publizistik und Aktivismus, spricht bei Demos sowie Konferenzen – und wandert dabei politisch stetig weiter nach rechts. Was treibt Jürgen Elsässer? Der Mann, der immer nach Extrempositionen sucht, wird von ehemaligen Weggefährten zumeist als geltungssüchtiger Charakter beschrieben. Seine Bündnispartner wechselte er oft wenig wählerisch.

„Mein Name ist Jürgen Elsässer – und meine Zielgruppe ist das Volk!“ Gern beginnt der Aktivist und Publizist seine Reden mit dieser Vorstellung. Im Marketing richtet sich die Beschreibung einer Zielgruppe beispielsweise nach soziodemografische Merkmalen wie Alter, Familienstand, verfügbarem Haushaltseinkommen, geografischem Gebiet, gelegentlich auch nach psychografischen Merkmalen wie Einstellungen und Werten, den Vorlieben, dem Statusbewusstsein, der Art der Kommunikation und dem ästhetischen Empfinden.

Elsässers Definition der Zielgruppe hält sich nicht mit solchen Details auf, es soll gleich „das Volk“ sein – gegensätzliche Interessen wischt er beiseite. Ausschlussmerkmale sind eigentlich nicht Bestandteile einer Zielgruppenbeschreibung. Doch „das Volk“ hat bei Elsässers Zuhörern natürlich eine bestimmte Konnotation. Gemeint sind wohl ehrliche, einfache, rechtschaffene Deutsche, die wahlweise dem “gesunden Menschenverstand” oder “Volksempfinden” folgen.

Jürgen Elsässer als Redner bei "Legida" (Foto: Alexander Böhm )
Jürgen Elsässer als Redner bei „Legida“ (Foto: Alexander Böhm )

Der Weg zum Redner vor rechtsradikalen Zuhörern war kein leichter, um es mit Xavier Naidoo zu sagen. „Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr“ – beispielsweise Popularität in der neuen nationalistischen Bewegung. In den Jahrzehnten zuvor war Elsässer vor allem im linksradikalen Milieu aktiv: Er schrieb für die konkret, junge Welt, das Neue Deutschland, war Mitglied beim Kommunistischen Bund und ein Wegbereiter der Strömung der Antideutschen. Alles weit entfernt von Massenbewegungen.

„Sex und Secret Service“ sells

Sein politischer Irrweg lässt sich anschaulich an seinen Buchveröffentlichungen – als Autor oder oft als Herausgeber – ablesen: Eine ganze Reihe von Compact-Werken sollten offenkundig vor allem Geld bringen. „Der Euro vor dem Zusammenbruch: Wie retten wir unser Geld?“, fragte er 2011. Zahlreiche Themen, die sich mutmaßlich gut verkaufen lassen, werden in der Compact-Reihe mit reißerischen Titeln durchgekaut. „Game Over!: Wie Killerspiele unsere Jugend zerstören“, „FED – Die Zentralbank des Geldes: Das geheime Machtzentrum der Welt“, „Freimaurer und Illuminaten: Was noch nie über Geheimgesellschaften geschrieben wurde“ – oder auch: „Arabischer Frühling: Twitter und Flitter, Sex und Secret Service zwischen Tripolis und Damaskus“ – und natürlich „Gaza – Die Kriegsverbrechen Israels“.

Bemerkenswert erscheinen aber vor allem seine älteren Bücher. 1994 fragte Elsässer „Wie rechtsradikal sind CDU und CSU?“. Im gleichen Jahr entwarf er eine Prophezeiung, die er heute selbst erfüllt: Dem Kalten Krieg folgten keine neue Friedensordnung, sondern neue Unruhen, analysierte er in dem Buch „Krisenherd Europa. Nationalismus – Regionalismus – Krieg“. Und weiter: „Das gemeinsame Haus Europa“ werde von „den Termiten des Nationalismus zerfressen.“

Nach den nationalistischen Termiten setzte Elsässer auf seinem Weg nach rechts bald auf die angreifenden Heuschrecken. Dem ehemaligen Lehrer dürfte vollkommen klar sein, was für ein politisches Spiel er betreibt und mit wem er sich einlässt; in seinem Lebensabschnitt als Linker schrieb er auch über die extreme Rechte: Er kennt seine neuen Verbündeten also genau, auch deren Bedürfnisse – und kann diese „Zielgruppe“ exakt bedienen. Elsässer bietet seinen Anhängern ein ganzes Paket von Produkten an: Bücher, Konferenzen, Zeitschriften. Wenn es etwas polarisierendes zu meinen gibt, ist der Name Elsässer nicht weit. Angesichts der Auflagensteigerung der Compact dürfte es sich durchaus um ein einträgliches Geschäft handeln.

“Eitler Gockel“

Ist Elsässer möglicherweise einfach ein kaltschnäuziger Geschäftsmann, der auf dem Markt der Meinungen Geld macht? Wahrscheinlich handelt es sich um einen netten Nebeneffekt; die Sehnsucht nach deutscher Untergangsliteratur verspricht beachtliche Erfolge am Bücherregal.

Doch Elsässers Weg in die neue nationalistische Bewegung hat wahrscheinlich auch viel mit dessen Persönlichkeit zu tun. Immer wieder hat er sich mit Mitstreitern überworfen, ehemalige Weggefährten beschreiben ihn als „Gockel“: eitel und selbstgefällig bis narzisstisch. Seine offenkundige Unfähigkeit, gegensätzliche Positionen zu respektieren, passt perfekt in die rechtsradikale Bewegung. Auch der Antiamerikanismus und Antiliberalismus haben hier ihre natürliche Heimat. Diese Einstellungen wirken zudem als ideologischer Kitt, um verschiedene politische Milieus zusammenzuhalten.

Aber das reicht nicht immer, um alle Widersprüche zu verwischen. So überwarf sich Elsässer beispielsweise mit dem Herausgeber des islamistischen „Muslim-Markts“, mit dem er gemeinsame Sache für die iranischen Mullahs gemacht hatte. In einem Brief fragte Yavuz Özoguz 2014 seinen einstigen Verbündeten Elsässer im Hinblick auf „Pegida“:

Was ist los mit Dir? Hat der „Ruhm“ Deiner Zeitschrift Deine Sinne getrübt? Glaubst Du ernsthaft, dass Deutschland von Islamisierung bedroht ist – insbesondere Dresden? Es gab Tage, da stands Du ein gegen den Raubtierkapitalismus, gegen den Zionismus, gegen die Gängelung der Menschen und Unterdrückung der Massen durch die Reichen. Du stands ein gegen Bänker und gegen das angelsächsische Imperium. Jetzt steht Dein Name mit an der Spitze einer Bewegung, der es gelungen ist, diesen ganzen Unmut weg von den eigentlichen Schuldigen auf Muslime zu richten als hervorragend geeigneten Sündenbock. An vorderster Front demonstrieren Bänker, berühmte Zionisten und Rassisten mit Dir. Und Dir soll das nicht auffallen? Da ich Dich zumindest so weit kenne, dass es unmöglich ist, dass Dir das nicht auffällt, müssen andere „Bindungen“ dafür sorgen, dass Du da mitmachst. Hast Du Angst, dass die Auflage Deiner Zeitschrift abnimmt, wenn Du die Wahrheit aussprichst? Hast Du Angst, dass jene Massen Dir nicht mehr zujubeln, wenn Du die Wahrheit aussprichst?

Interessant ist Elsässers Antwort: Es gehe, „trotz des sehr ungelenken Namens PEGIDA, im Wesentlichen NICHT um Islamisierung (schon gar nicht um Islam), sondern um die unkontrollierte Zuwanderung.“ Özoguz überzeugt das wenig:

„Dass ausgerechnet Du einmal Chefredakteur des neuen Stürmers werden würdest, hätte ich mir niemals erträumen lassen!“

 

Der Compact-Herausgeber versucht später noch einmal, Özuguz davon zu überzeugen, dass „Pegida“ nur Mittel zum Zweck sei:

„Hier entsteht eine Volksbewegung gegen unsere US-gesteuerte Regierung. Ihre Artikulation ist manchmal unbeholfen, und es gibt Trittbrettfahrer – aber wenn sich das Volk als politisches Subjekt konstituiert, geht es nun mal drunter und drüber, das lehren alle revolutionären Bewegungen.“ Bei Legida habe er im Januar 2015 eine Rede gehalten, in der „kein antiislamisches Wort gesagt“ habe. Dafür habe er für die Kritik an den USA sehr viel Beifall erhalten. „Die Menschenmenge skandierte „Ami Go Home“, noch bevor ich diesen Slogan selbst aussprach…“

Der Antiamerikanismus bietet Elsässer einen ideologischen Rahmen, den er mit immer neuen Extrempositionen füllt. Dabei passt er Positionen munter an und wechselt wenig wählerisch die Bündnispartner. Elsässer selbst nennt das wohl „Weiterentwickeln“, wie ein ehemaliger Mitstreiter berichtet; andere meinen, es handele sich eher um ein komplettes Abdriften in den Irrationalismus.

Der serbische Nationalismus

Als einschneidendes Ereignis nennen Weggefährten den NATO-Krieg gegen Serbien. 2007 blickte Elsässer zurück:

“Die Zerschlagung Jugoslawiens wurde von der Bundesregierung zunächst gegen den einhelligen Widerstand auch der westlichen Verbündeten betrieben, und mit schlafwandlerischer Sicherheit suchte sich Kohl auf dem Balkan Bündnispartner, die schon Hitler beim Anlauf zur Weltmacht und bei der Judenvernichtung behilflich waren: Klerikalfaschistische Ustaschen in Kroatien, fundamentalistische Moslems in Bosnien und die albanischen Freunde der Blutrache im Kosovo.”

Jetzt folgte der wichtigste Schritt, der Antideutsche Elsässer sieht nun allein die USA als Ursache allen Übels:

“Die neuen Nationalstaaten auf dem Balkan büßten ihre Eigenständigkeit schnell wieder ein und wurden Kolonien des Internationalen Währungsfonds und der NATO. Und die deutschen Ambitionen, zum „Partner in Leadership“ mit den USA aufzusteigen und sich den Globus aufzuteilen, scheiterten an der Hypermacht: Die Osterweiterung des Nordatlantikpaktes, ursprünglich eine Bonner Idee, wurde von den USA geschickt übernommen und dann dominiert, und in Südosteuropa mußten die Deutschen spätestens mit dem Friedensschluß in Bosnien 1995 der USA den Vortritt lassen.”

Der Einsatz Elsässers für serbische Nationalisten setzte sich fort: Im Jahr 2008 sagte er bei einer Demonstration gegen die Unabhängigkeit des Kosovo, dort werde sich das Schicksals ganz Europas entscheiden. Im Jahr 2015 besuchte Elsässer den serbischen Nationalisten Seselj, der “erste serbische Gefangene, der den Klauen das NATO-dominierten Kriegsverbrechertribunals in Den Haag entkommen” sei.

Elsässers nationalistische Ideologie, die Auswahl seiner Bündnispartner und Feinde, korrespondiert auffallend mit dem Panserbismus. Der serbische Nationalistenführer Seselj meinte beispielsweise bereits 1991, die bosnischen Moslems seien in Wirklichkeit „islamisierte Serben“. Die Solidarität mit Serbien dürfte noch die plausibelste Erklärung sein für Elsässers Werdegang vom linksradikalen Antideutschen zum deutschen Nationalisten.

Zielgruppengerechtes Marketing

Wie er „das Volk“ als revolutionäres Subjekt aufstacheln könnte, scheint für Elsässer nebensächlich zu sein; seine Anhänger und Bündnispartner dürften lediglich Mittel zum Zweck sein, um die eigene aktuelle politische Vision zu realisieren – bzw. um die eigenen Produkte zu verkaufen. Zielgruppengerechtes Marketing für das Volk.

Wo dieser Weg enden soll, erscheint unklar, die Zeichen stehen aber weiter auf Radikalisierung. Im August 2015 schrieb Elsässer in der Compact:

„Aufgeweckte Zeitgenossen wissen: Deutschland ist ein besetztes Land. Wir sind nicht souverän, sondern eine Militärkolonie der USA. Was aber auch viele kluge Mitbürger nicht wahrhaben wollen: Es hat eine zweite Besatzung begonnen, und zwar durch sogenannte Flüchtlinge.“

Im September 2015 rief Elsässer die Soldaten der Bundeswehr angesichts des Andrangs von Flüchtlingen dann sogar zu einer Art Putsch auf:

„In dieser Situation kommt es auf Euch an, Soldaten der Bundeswehr: […] Besetzt die Grenzstationen, vor allem die Grenzbahnhöfe, und schließt alle möglichen Übergänge vor allem von Süden. Wartet nicht auf Befehle von oben! Diskutiert die Lage mit Euren Kameraden und werdet selbst aktiv! Nur Ihr habt jetzt noch die Machtmittel, die von der Kanzlerin befohlene Selbstzerstörung zu stoppen.“

Mit „Mitteln“ können eigentlich nur Waffen gemeint sein.

Zuletzt knöpfte sich Elsässer den Nationalspieler Özil vor und vermeldete alarmiert, dass “die DFB-Muftis” den “deutschen Fußball islamisieren” wollten. Elsässer beklagt, Özil “betet lieber zu Allah, als sich zu Deutschland zu bekennen”. Die DFB-Muftis hätten “aus der deutschen Nationalmannschaft auch schon längst „Die Mannschaft“ gemacht, ein Multikulti-Globalistenteam aus „Schland“”.

Ein wichtiger Verbreitungsweg für seine Inhalte ist Elsässer nun abhanden gekommen: Offenkundig sperrte Facebook seine Seite; auf jeden Fall ist sie derzeit nicht zu erreichen. Aber dass ein Kämpfer für Deutschland und gegen Globalisten in dem amerikanischen Netzwerk mitmischt, war ja ohnehin ein weiterer Widerspruch.

Von Deutschen Kommunisten

Vom linksradikalen Kommunisten zum rechten Möchtegern-Volkstribun – ein Weg, den Elsässer im Jahr 1992 in der antideutschen Zeitschrift „Bahamas“ selbst analysiert hatte:

„“Ich bin ein deutscher Kommunist“, hieß das Credo von Joseph Goebbels, deutsch offenbar ganz groß geschrieben. […] Vieles spricht dafür, daß Goebbels mit dem barbarischen Instinkt des Feindes der Menschheit hier eine Anfälligkeit der Linken gegenüber dem Nazismus „roch“. […] Antizionismus ist das Scharnier für das barbarische Bündnis aus Ex-Kommunisten und Faschisten. […] Die einzige Möglichkeit, das Verfaulen des verkürzten Antikapitalismus zum Antisemitismus zu verhindern, ist konsequenter Internationalismus in Form des Antinationalismus.“

Die Verbindung aus verkürzter Kapitalismuskritik und faschistoider Hetze gegen Minderheiten ist fester Teil der neuen nationalistischen Bewegung in Deutschland. Elsässer selbst verkörpert die Strategie der Querfront wie kein anderer Aktivist. Er ist derjenige geworden, vor dem er früher selbst gewarnt hatte.

Seine Irrungen und Wirrungen konnte er bis heute nicht nachvollziehbar erklären, wahrscheinlich, weil dies rational gar nicht möglich ist. Elsässers aktueller Zielgruppe dürfte das vorerst egal sein.

3 Kommentare zu „Jürgen Elsässer: Vom Antideutschen zum rechten Volkstribun

  1. Sachliche Auseinandersetzung mit E.´s Auffassungen wären entschieden hilfreicher als persönliche Angriffe. Ist aber eine uralte Methode, wenn man Auffassungen nicht widerlegen kann oder will. Bei schlichten Geistern wirkt sie sogar besser.

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