Die AfD wettert gegen die Medien – gleichzeitig benutzt sie diese, um sich zu inszenieren. Parteichefin Petry erfährt fast eine ähnlich große Aufmerksamkeit wie die Kanzlerin, als sie von einem enormen Reporterpulk beobachtet über die seltsame Frage verhandeln soll, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Der Fall zeigt beispielhaft: Die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien kann den Rechtspopulisten in die Karten spielen.

Es dürfte nur selten vorkommen, dass das Treffen zwischen einem Religionsvertreter mit der Vorsitzenden einer Partei, die (noch) nicht im Bundestag sitzt, in vielen Medien quasi gleichrangig mit einem international bedeutsamen Krisengespräch der Kanzlerin mit dem türkischen Präsidenten am Rande eines UN-Gipfels behandelt wird.

AfD-Sprecherin Frauke Petry ist dieses Kunststück gelungen – und sie erlegte gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Während Kanzlerin Merkel fast zeitgleich in der Türkei jedes Wort auf die Goldwaage legen musste, um die komplexe und verfahrene Situation nicht weiter zu verkomplizieren, präsentiert sich Petry bei dem Treffen mit dem Zentralrat der Muslime in einem Berliner Hotel als Abgesandte „des Volks“, die den frechen Muslimbengeln mal „eine Lektion zum 67. Geburtstags unseres Grundgesetzes erteilt“ habe. Damit kann sich die parteiintern keineswegs unumstrittene Petry in der AfD als Hardlinerin präsentieren und ihre Position festigen.

Die Vermutung, dass es von der AfD nie die Absicht gab, konstruktiv mit dem Zentralrat der Muslime zu diskutieren, liegt nahe. Für Petry wäre es intern glatter politischer Selbstmord gewesen, nach einem echten Meinungsaustausch mit Aiman Mazyek vor die Presse zu treten und zu verkünden, man habe sich angenähert und bleibe im Gespräch. Genau solche offenen Gespräche und Annäherungen sind im Rechtspopulismus nämlich nicht vorgesehen. Vielmehr reagierte die AfD nach dem Abbruch der Gespräche umgehend in den sozialen Medien, um ihren Anhängern zu demonstrieren, wer Herr im deutschen Hause sei – und um die erhitzte Atmosphäre weiter anzufeuern.

Die Möglichkeiten der Netzwerke spielen den Strategien von Populisten in die Hände. Einfach und emotional – das sind die besten Voraussetzungen dafür, dass ein Thema in sozialen Medien gut läuft – und dies entspricht exakt dem Politikkonzept von Populisten, die auf simple Antworten und vor allem diffuse Emotionen setzen.

Die AfD profitiert wie keine andere Partei von den Mechanismen auf dem neuen Markt der Meinungen. Bei Facebook ist sie mit Abstand die stärkste Partei, was die Zahl der „Likes“ angeht. Und die AfD kann auch in den klassischen Medien immer wieder eine mediale Aufmerksamkeitsspirale in Gang setzen. Ihren Protagonisten kommt dabei die Rolle von vermeintlichen Tabubrechern zu, deren Behauptungen entkräftet werden müssten. Die knackigen Parolen sind medial optimal zu transportieren und bieten deutlich mehr Empörungspotenzial als ausgewogene Debattenbeiträge.

Wie gemacht für Populisten

Soziale Medien scheinen daher wie gemacht für Populisten: Wer am lautesten und schrillsten schreit, kann eine Dynamik der Aufregung in Gang setzen. So können sich Populisten mit gezielten Provokationen und Tabubrüchen in der modernen Mediengesellschaft optimal inszenieren und ein Wechselspiel aus Skandal und Empörung herbeiführen. Das Schmierentheater beim AfD-Treffen mit dem Zentralrat der Muslime war ein Lehrstück für diesen äußerst effektiven Kunstgriff, der Politik und Medien in eine Zwickmühle bringt.

Wer nun aber versucht, die Populisten auf diesem Gebiet mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, wird scheitern. Das effektivste Mittel gegen Ressentiments besteht nicht darin, die Parolen zu imitieren, sondern ihnen zu widersprechen: mit klarer Haltung und Vernunft. Und für Medien stellt sich die Aufgabe, Themen nicht zunehmend nach Empörungspotenzial sowie Gesprächswert zu gewichten, sondern die tatsächliche politische Relevanz zu berücksichtigen und Inszenierungen nicht zu honorieren. Sonst droht der demokratische Diskurs weiter zu erodieren. Der Hass im Netz ist dabei nur der Vorgeschmack auf eine verrohte Gesellschaft, in der Debatten und Kompromisse als schwach verachtet und in der Minderheiten Lektionen erteilt werden.

Dieser Text basiert teilweise auf einem Abschnitt  aus dem E-Book „Rechte Hetze im Netz“, das vor wenigen Tagen im Rowohlt-Verlag erschienen ist.

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