Die dünne Schicht der Zivilisation

Diskussionen über „Obergrenzen“ für Ausländer in Clubs im grünen Freiburg; Zutrittsverbote für männliche Flüchtlinge in Schwimmbädern; SPD-Ortsverbände in NRW, die beim Thema Flüchtlingsunterkünfte den zivilen Ungehorsam für sich entdecken. Deutschland dreht frei.

Wo man sonst anderen gerne rät, doch bitte besonnen und angemessen zu reagieren, braucht es keinen Terroranschlag, um kurzerhand komplett die Nerven zu verlieren.

„Wir mussten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann […]“ – Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1992 [1942], S. 18.

4 Kommentare zu „Die dünne Schicht der Zivilisation

  1. Freud und Zweig hatten damals Unrecht, und das beliebte Bild von der dünnen Schicht der Zivilisation ist falsch. Zu unserem biologischen Erbe gehören nicht nur destruktive Elemente, sondern auch sehr viele konstruktive und kooperative. Die Liebe hat nicht unser Verstand erfunden, ebenso wenig Mitleid und Hilfsbereitschaft. Auf der anderen Seite enthält unsere Zivilisation nicht nur konstruktive Elemente, sondern auch sehr viele destruktive: z. B. die Verteidigung von Privilegien, Gehorsam gegenüber Autoritätspersonen und Gruppenzwängen, die mediale Vervielfachung von Gerüchten, Geltungsbedürfnis, Wettbewerbsdruck, Abstiegsängste.

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    1. Lieber Jensjürgen,

      ich finde die Kategorien richtig/falsch zu stark in diesem Kontext. Meiner Ansicht nach gibt es eine demokratisch-gefestigte Gesellschaft in Deutschland, dennoch schlagen bisweilen, zumeist lokal begrenzt, Ressentiments in Gewalt um. Die Schicht der Zivilisation ist in Teilen der Gesellschaft dick und stark, in manchen eher brüchig,

      Danke für Ihren Kommentar,
      viele Grüße
      PG

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      1. Ja, es gibt etwas, das zuweilen in Gewalt umschlägt. Aber dieses etwas ist nicht der Affe in uns, und das, was uns davon abhält, gewalttätig zu werden, ist nicht per se die Zivilisation. Diese Rollenzuweisung ist m. E. (und nach Ansicht von Fromm und Bauer) falsch. Manchmal ist es genau umgekehrt: Zivilisation (z. B. Gehorsam) treibt Menschen dazu, gewalttätig zu werden, während der Affe in ihnen viel lieber weglaufen würde. Es ist doch nicht so, als würden Affen sich permanent gegenseitig abschlachten.

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