Köln: Sexuelle Gewalt bricht aus, wenn die Umstände es zulassen

Die sexuelle Gewalt am Kölner Hauptbahnhof hat in ganz Europa für Aufsehen gesorgt. Die Ereignisse waren offenkundig ein Gruppen-Gewalterlebnis, wie es sonst bei Pogromen und Hetzjagden zu beobachten war. Die sexuelle Gewalt brach dort aus, weil die Umstände es zuließen. Was sagt das über die Täter?

Mehr als 370 Anzeigen in Köln, rund 70 in Hamburg und Dutzende weitere in anderen Städten: Die Silvesternacht scheint eine neue Dimension der Gewalt gebracht zu haben. Zahlreiche Opfer dürften schwer traumatisiert sein von den sexuellen Übergriffen.

Der Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht (Quelle: Screenshot Youtube / Handyvideo)
Der Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht (Quelle: Screenshot Youtube / Handyvideo)

Wer die Täter sind, lässt sich bislang nicht abschließend sagen. Aber es liegen zahlreiche Hinweise und Aussagen von Zeuginnen vor, die darin übereinstimmen, dass es sich bei den Tätern um junge Männer aus dem „arabischen oder nordafrikanischen Raum“ gehandelt habe. Daraus lässt sich nicht schließen, ob es sich um hier geborene und aufgewachsene Kinder von Einwanderern handelt, oder um als Flüchtlinge eingereiste Personen aus den Maghreb-Staaten oder Syrien handelt.

Die vorliegenden Polizeiberichte, die recht schnell ihren Weg zur Presse fanden – offenkundig war der nun in den Ruhestand versetzte Polizeichef nicht allzu populär bei der Kölner Polizei – versuchen zusammenzufassen, welche Personengruppen am Hauptbahnhof unterwegs gewesen sein sollen und wie die Lage außer Kontrolle geriet. Es finden sich auch Merkwürdigkeiten darin, wenn es beispielsweise heißt, ein angeblicher Flüchtling habe lachend seine Ausweispapiere zerrissen und gesagt, man dürfe ihm nichts tun, Merkel habe ihn eingeladen. Es gibt ja bekanntermaßen nichts, was es nicht gibt, aber das klingt schon recht grotesk – bzw. wie ein feuchter Traum von rechtsextremen Hetzern.

Sexisten gegen Sexismus

Solche Angaben sowie die Ereignisse generell werden von Rechtsradikalen weidlich ausgeschlachtet. Das war vorherzusehen und ist eigentlich keiner weiteren Erwähnung wert. Bemerkenswert bleibt allerdings die Heuchelei und Doppelmoral in diesem Milieu, aus dem Journalistinnen und Politikerinnen gerne mit den derbsten sexistischen Beschimpfungen belegt werden – bis hin zu Vergewaltigungsfantasien. Ein Beispiel für diesen Vulgär-Antisexismus bietet bei Twitter „WolfgangH“, der über die Grünen-Politikerin Claudia Roth schrieb: „so ne Meinung kann man auch nur haben, wenn man sicher sein kann, nie vergewaltigt zu werden“. „MasterOfChaos“ kommentierte: „Schade das Fr. #Roth und #Göring-Eckhard nicht die Spießruten von #Köln durchlaufen mußten. Denen hätte ich es gegönnt!“

https://twitter.com/McGeranimo/status/684370595769901056

Und der AfDler Markus Frohnmaier veröffentlichte bei Facebook ein Bild von einer betrübt schauenden Claudia Roth und dazu den Satz „Ach, wäre ich Neujahr doch nur nach Köln gefahren.“ Der angebliche Antisexismus dieser Leute ist genau wie ihr angeblicher Anti-Antisemitismus nichts anderes als ein Mittel zum Zweck – und dieser Zweck ist das Hetzen.

Zwischen Differenzieren und Relativieren

Viele Frauen, die sich im Gegensatz zu den eben erwähnten Personen schon lange und ernsthaft mit Sexismus in der Gesellschaft beschäftigen, betonten, Köln sei zwar ein besonders krasser Fall, aber für Frauen seien sexuelle Gewalt und Diskriminierung sowie Bedrohung praktisch ein Dauerthema. Und die Zahlen geben ihnen Recht: Rund 8000 Vergewaltigungen werden in Deutschland pro Jahr angezeigt, laut einer Studie werden die allermeisten sexuellen Belästigungen und Gewalttaten gar nicht erst zur Anzeige gebracht, 13 Prozent der Frauen über 16 Jahre in Deutschland haben strafrechtlich relevante sexuelle Gewalt erfahren müssen – das sind zig Millionen.

Dennoch: Den Betroffenen von Köln hilft das wenig, und eigentlich wäre doch nun genau die Chance gegeben, ganz konkret über männliche Gewalt zu diskutieren, die selbstverständlich nicht auf Männer aus dem „nordafrikanischen Raum“ begrenzt ist.

Claudia Roth behauptete in der „Welt“, es werde jetzt „von vielen der Eindruck vermittelt, als würde sexualisierte Gewalt alleinig von außen zu uns ins Land getragen“. Da hätte man nachfragen können: Wer  genau hat das ernsthaft behauptet – die rassistischen Trolle jetzt mal ausgenommen? Bei mehreren Kommentaren, die ich zu diesem Thema gelesen habe, haben die Hinweise auf andere sexuelle Übergriffe leider einen Beigeschmack der Relativierung, daher wird in diesem Zusammenhang auch immer wieder betont, man wolle auf keinen Fall relativieren.

Aber man stelle sich nur vor, nach rassistischen Ausschreitungen mit zahlreichen Betroffenen würde man kommentieren, man wolle nichts relativieren, doch solche Vorfälle seien weder neu noch ungewöhnlich und kämen sowieso ständig vor – und Rassismus gebe es überall. Nichts davon ist falsch – aber würde es nicht irgendwie nach Relativierung klingen? Sascha Lobo brachte es gekonnt auf den Punkt, als er feststellte, zwischen Differenzierung und Relativierung liege oft nur eine Armlänge.

Sexismus ist ein Männerproblem

Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem. Klingt banal, wird aber von Männern kaum berücksichtigt. Oder warum beschäftigen sich so wenige damit, dass regelmäßig bei „Beziehungstragödien“ ganze Familien durch ganz normale Väter ausgelöscht werden, dass der überragende Teil der Gewalttaten von Männern verübt wird, dass 99 Prozent der sexuellen Übergriffe von Männern begangen werden?

Das ist das Allgemeine, nun das Spezifische. Sexuelle Gewalt bricht dann aus, wenn die Umstände dies zulassen: In Beziehungen, die von Abhängigkeitsverhältnissen geprägt sind; in undemokratischen Gruppen und Institutionen, in denen „Schutzbefohlene“ Erwachsenen schutzlos ausgeliefert sind; in Kriegen, in denen sexuelle Gewalt nicht sanktioniert und zur Waffe wird – und auch Silvester in Köln, als ein Mob die Herrschaft über Teile des Bahnhofs übernahm.

 Gruppen-Gewalterlebnis

Und das ist das Neue an Köln: Die Ereignisse waren offenkundig ein Gruppen-Gewalterlebnis, wie es sonst nur bei rechtsextremen Pogromen und Hetzjagden zu beobachten war. Und wie es vom Vorgehen beispielsweise vom Tahrir-Platz bekannt ist, wo Frauen von Männergruppen misshandelt und vergewaltigt wurden. Die Parallelen sind auffällig – und das Vorgehen der Täter in Köln setzt eine Affinität zur Gewalt sowie einen Konsens zwischen vielen Beteiligten voraus. Die Übergriffe in Köln sind genau nicht die sexuellen Gewalttaten in den eigenen vier Wänden oder im sozialen Nahbereich, die bei der sexuellen Gewalt sonst dominieren, sondern wurden in der Öffentlichkeit begangen, praktisch unter den Augen der Polizei errichteten die Täter im übertragenen Sinne des Wortes die eigenen vier Wände, indem sie sich um ein Opfer gruppierten und dann misshandelten und ausraubten.

Vor diesem Hintergrund ist es leider nicht egal, ob die Täter möglicherweise aus dem arabischen Raum stammen und hier bestimmte Gewaltpraktiken ausüben. Das muss nicht so sein, aber es spricht einiges dafür. Und wenn es so ist, wirft das weitere Fragen auf, die ebenfalls nicht egal sind. Diese Debatte zu führen, ist nicht leicht. Besonders, weil sich die Diskussionskultur in den Debatten der vergangenen Jahre bereits sehr negativ entwickelt hat, der rechtsradikale Mob instrumentalisiert das Thema, um die Angst weiter zu schüren und die Konflikte weiter zu verschärfen. Da ist es schwierig, eine sachliche Debatte zu führen.

Tiefe Verunsicherung

Die Erschütterung vieler Menschen über Köln wurde wohl nicht allein vom Ausmaß der Gewalt ausgelöst, die an einem öffentlichen Ort tobte. Viele Menschen sind sicherlich auch aus rassistischen Motiven so empört, denn andere Gewalt interessiert sie zumeist nicht die Bohne.

Die Ereignisse verunsichern aber auch viele progressiv-gesinnte Menschen tief, da das Narrativ, das Kanzlerin Merkel mit ihrem „Ja, wir schaffen das!“ zusammengefasst hat, angesichts der komplexen Probleme und zahlreichen Konflikte in sich zusammenzubrechen droht: Die Idee, die bundesdeutsche Gesellschaft könnte etwas vollbringen, auf das man tatsächlich mal stolz sein könnte – nämlich Hunderttausenden Menschen, die vor Armut, Gewalt und Zerstörung fliehen, einen sicheren Zufluchtsort zu bieten, während sonst in Europa neue Grenzanlagen aufgebaut werden.

Nun droht die von AfD, Pegida und Konsorten propagierte Erzählung die Oberhand zu gewinnen, wonach nur Abschottung, Rassismus und Zäune die Zukunft Europas seien. Ein Szenario, das tatsächlich zum Fürchten ist.

Siehe auch: Lachen, quälen, männlich sein

4 Kommentare zu „Köln: Sexuelle Gewalt bricht aus, wenn die Umstände es zulassen

  1. Genau so ist es.

    Unverständlich warum manche jetzt nicht darüber reden wollen wie man dieses Problem angeht. Genau wie es für alle anderen sozialen Probleme Ideen und Wege geben muss, muss es auch hier welche geben.

    Was ich aber vermisse ist eine Recherche über die Hintergründe. Heutezutage werden Treffen von gleichgesinnten fast immer über Facebook verabredet. Und wenn sich soviele Menschen Treffen, muss es FB Gruppen o.ä. gegeben haben, die evtl. auch andere Unbeteiligte gelesen haben.

    Bei ähnlichen Vorfällen in Helsinki ist die Polizei vorher von der „Migrationsbehörde“ gewarnt worden. Hat in Köln niemand mit bekommen, dass sich Menschen aus was für Kulturkreisen auch immer, masenweise verabredet haben um am Bahnhof Sylevester zu feiern? Oder nicht zu feiern?

    Gibt es in Köln keine Sozialarbeiter, Mitarbeiter von Behörden, Dolmetscher, Freiwillige die mit den Menschen reden?
    Z.b. wenn denn wirklich Flüchtlinge darunter waren, werden diese ja üblicherweise betreut und ich frage doch als Betreuer einen Menschen der das erste Jahr in Deutschland ist, was er an Sylvester macht.

    Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass niemand wusste, das das passieren könnte. Und wenn es so sein sollte, dann haben wir ein noch größeres Problem mit der Betreuung als es uns in der Öffentlichkeit weis gemacht wird.

    Was klar ist, wir brauchen nicht härtere Gesetze gegenüber Flüchtlingen, sondern wir brauchen mehr Sozialarbeiter, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Das härtere Strafen nicht gegen Verbrechen schützen ist eigentlich lange bekannt. Prävention ist der beste Schutz.

    Das betrifft im übrigen selbstverständlich auch deutsche Menschen die am Rand stehen und die Straffällig werden.

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  2. „… regelmäßig bei „Beziehungstragödien“ ganze Familien durch ganz normale Väter …“

    Vermutlich, weil das sehr selten ist. Tatsächlich werden die meisten Kinder, die von einem Elternteil umgebracht werden, in Deutschland von ihren Müttern umgebracht, je nach Jahr sind es zwischen 2/3 bis 3/4. Mal abgesehen, dass nur wenige Kinder in unserer Gesellschaft überhaupt umgebracht werden.

    An die US-Zahlen kommt man leichter und auch zu einem längeren Zeitraum ran:

    etwa: http://www.acf.hhs.gov/programs/cb/resource/child-maltreatment-2006

    Mutter allein: 27.4%
    Mutter und anderer (nicht Vater): 11,5%
    (leiblicher) Vater allein: 13,1%
    (leiblicher) Vater und anderer (nicht Mutter): 1,5%
    Mutter und (leiblicher) Vater gemeinsam: 22,4%
    Der Rest sind andere (nicht leibliche Eltern oder sonstige)

    Wenn man also Mutter ohne Vater gegen Vater ohne Mutter setzt, so sterben Kinder etwa 2 1/2 mal so oft durch die Mutter ohne Mitwirkung des Vaters als umgekehrt.

    Ich habe mir auch andere Jahre angeschaut, bleibt immer in diesem Verhältnis.

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