Heimat-Debatte: Immer nur Vergangenheit!

Einspruch: Die Debatte darüber, wie der altdeutsche Begriff Heimat progressiv zu besetzen wäre, löst kein einziges Problem .

Von Patrick Gensing, zuerst veröffentlicht in der „Berliner Republik“, dem sozialdemokratischen Debattenblatt.

Der „Thüringer Heimatschutz“ – so nannte sich eine Neonazi-Bande in den neunziger Jahren, in der auch die späteren NSU-Terroristen aktiv waren; die NPD bezeichnete sich jahrelang als „die soziale Heimatpartei“; und auch andere Rechtsradikale nennen sich stolz „heimattreu“. In Dresden verkündeten Pegida-Anhänger bei ihren Demonstrationen auf Plakaten: „Heimatschutz statt Islamisierung!“ Und die in deutschnationalen Kreisen beliebte Band Frei.Wild textete, das „Heimatland“ sei das „Herzstück dieser Welt“, auf das „schon unsere Ahnen mächtig stolz“ gewesen seien: „Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist.“

Zum Feind wird jeder, der irgendwie anders ist

Hinter diesen Verwendungen des Begriffs steht ein gemeinsames Verständnis von Heimat als einmalige und unveränderliche Identität und Herkunft. Heimat kann man sich demnach nicht aussuchen, vielmehr existiert eine schicksalshafte Verbindung zwischen dem Boden, einer starren Kultur sowie den Menschen, die dort geboren wurden.

Aus einer solchen Definition von Heimat lässt sich leicht die Ausgrenzung von zahlreichen Menschengruppen ableiten, bis hin zu offener Aggressivität. Das neurechte Magazin Blaue Narzisse schrieb im Juni beispielsweise über Pegida und die Proteste „besorgter Bürger“ in Sachsen: „Jeder Fremde, jeder in einer unbekannten Sprache aufgefangene Wortfetzen führt vor Augen, wie unsere Heimat nie wieder sein wird. Vielleicht ist es diese eigentümliche Melancholie, die die Menschen in Freital auf die Straße bringt.“

Das Fremde wird also als Bedrohung der Heimat definiert: Wer hier nicht geboren wurde, gehört nicht dazu. Dieses Denkmuster kann auch auf Religionen übertragen werden, etwa wenn die NPD „Heimatschutz statt Islamisierung“ propagiert.

Zum Feind wird auch, wer diesen Fetisch um die Heimat ablehnt: Kosmopolitische Ideen stehen im Gegensatz zum starren Heimatbegriff der Rechten. In der Blauen Narzisse hieß es etwa, derzeit stehe im Kern der „weitestgehend homogene Nationalstaat zur Debatte“. An dessen Stelle soll angeblich „ein Weltbürgerschaftsrecht treten, das es jedem Menschen erlaubt, dort zu wohnen, wo er es möchte“. Der neurechten Ideologie zufolge sind dadurch auch die gefährdet, die ihre Heimat gar nicht verlassen. So gehe es etwa bei der Flüchtlingsfrage „nicht allein darum, wo fremde Menschen überall leben dürfen“, sondern „das Heimatlos-Werden der Fremden und unsere eigene Entwurzelung“ seien Themen, die zusammengehörten. Einwanderung wird als Bedrohung dargestellt, weil dadurch das Prinzip der starren Verwurzelung von Mensch und Heimat aufgehoben werde. Daraus folgern die Neurechten: „Wir befinden uns also auf dem Weg in eine Gesellschaft, die unbegrenzte Flexibilität von jedem fordert. Niemand soll mehr eine Heimat haben.“ Nach dieser Logik gilt: Wer sich einmal von seiner Heimat löst, kann keine neue mehr finden.

Auch wer die Heimat kritisiert, wird zum Feind, jedenfalls wird er nicht geduldet, wie der anfangs zitierte Text von Frei.Wild andeutet. Und Rechtsradikale skandieren gerne: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“

Der rechtsextreme „Heimatschutz“ fordert zudem, dass Menschen, die nicht zur imaginären Heimat-Gemeinschaft gehören, vertrieben werden sollen. Wie Heimat und die dazugehörige Ausgrenzung dabei definiert wird, bleibt zweitrangig: Dies funktioniert über Blut und Boden – wie bei den Nazis –, über Raum, oder auch über Kultur und Sprache, wie es bei der Neuen Rechten der Fall ist.

Heimat, dieser Begriff ist umgangssprachlich zumeist positiv besetzt. Er klingt harmlos – und genau deswegen taucht er immer wieder auf, wenn sich Rechtsradikale moderat präsentieren wollen. In ihrer Definition vereint er die Grundannahmen aller rechten, völkischen Ideologien, wonach nicht das Individuum als frei handelndes Subjekt im Mittelpunkt steht, sondern eine angeblich abgeschlossene, homogene und schicksalshafte Gemeinschaft, der sich der einzelne Mensch unterzuordnen habe.

Heimatvertrieben von Generation zu Generation

Aber was ist Heimat überhaupt? Fragt man im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis nach, wird schnell deutlich, wie diffus der Begriff ist. Seien es Erinnerungen an die Kindheit oder Jugend, Hinweise auf den eigenen Dialekt oder regionale kulturelle Eigenschaften: Heimat bietet vor allem eine Projektionsfläche für – häufig melancholische – Gefühle, ohne konkret werden zu müssen. Das macht den Begriff auch für rechtsradikale Strategen so attraktiv, denn wer die Heimat schützen will, kann kein schlechter Mensch sein.

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!“, sang Herbert Grönemeyer im Jahr 1999. Das trifft es wohl ganz gut. Aber Gefühle sind nicht automatisch positiv, vor allem die Politik sollte sich nicht von ihnen leiten lassen. Zudem ist Heimat ein sehr deutsches Konzept: weder findet sich im Deutschen ein Plural des Begriffs, noch gibt es in anderen Sprachen ein Äquivalent. Die englischen Wörter home oder homeland verfügen eben nicht über die geradezu mystische, ursprüngliche, naturverbundene und vorindustrielle Konnotation des deutschen Begriffs.

Heimat ist nicht zukunftsgewandt, sondern rückwärtsbezogen. Der Status des Heimatvertriebenen wird sogar über die Generationen weitergereicht. Den Begriff der „Neuen Heimat“ nutzten die Nazis für Wohnungsbaugesellschaften, um den Mythos der Heimat auch in neue Siedlungen zu verpflanzen. Dem rechten Heimatbegriff zufolge haben Menschen Wurzeln, die sie an einem Ort halten – und keine Beine, mit denen sie im Leben und in der Welt weiterkommen und sich verändern können.

All dies zeigt: Bei der Heimat geht es stets um vergangene Zeiten, um Erinnerungen und Gefühle. Viele Progressive betrachten das Konzept Heimat daher mit großer Skepsis. Der Psychoanalytiker Paul Parin merkte 1994 an: „Heimat dient dazu, Lücken auszufüllen, unerträgliche Traumata aufzufangen, seelische Brüche zu überbrücken, die Seele wieder ganz zu machen. Je schlimmer es um einen Menschen bestellt ist, je brüchiger sein Selbstgefühl ist, desto nötiger hat er oder sie Heimatgefühle, die wir darum eine Plombe für das Selbstgefühl nennen.“

Mehrfache Identitäten bedeuten mehr Kompetenz

Die Konstruktion von echter Bodenständigkeit und diffusen Heimatgefühlen als politischem Wert kann auch zum Einfallstor für Antisemitismus werden, nämlich wenn die natürliche Heimat, die schicksalshafte Verwurzelung des Menschen, als Gegenkonzept zu demjenigen aufgebaut wird, der überall in der Welt zu Hause ist: gegen den Kosmopoliten oder auch gegen das „ortlose Finanzkapital“, so wie es in der regressiven Kapitalismuskritik gern heißt. Und all diese Vorurteile gegenüber dem Heimatlosen, dem Kosmopolitischen und dem „raffenden Kapital“ sind bis heute vor allem im Antisemitismus heimisch.

„Sobald ‚der Mensch‘ darauf befragt wird, ob er Heimat braucht, rücken wir ihn in bedenkliche Nähe zu den postmodernen Suchern, Vermittlern und Kämpfern um Identität, mit der heute jede nationale, völkische oder sonst wie kollektive Abgrenzung oder Ausgrenzung legitimiert, jeder beliebige Herrschafts- und Machtanspruch begründet, schließlich jede mitmenschliche Solidarität in Frage gestellt wird“, warnt Paul Parin. Der Idee einer einzigen unveränderlichen Heimat widerspricht auch der Schriftsteller Klaus Theweleit, der anmerkte, dass mehrfache Identitäten „immer zu mehr Kompetenz“ führten. Das könne jeder bei sich selbst beobachten: „Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat – inklusive plattdüütsch schnacken. Als Jugendlicher wurde dann englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten. Das hat mich natürlich viel beweglicher gemacht als die Einheimischen drumherum. Es geht um das Aufnehmen des Anderen, des Neuen: Sei es eine Sprache oder eine Tischsitte. Man entwickelt sich nur mit einer Fremdsprache oder dem Kennenlernen eines anderen sozialen Milieus weiter. Wer nur eine Heimat kennt und sonst nichts, ist dazu verdammt, blöd zu bleiben.“

Eine Diskussion darüber, wie der alte und sehr deutsche -Begriff Heimat progressiv besetzt werden könnte, löst kein einziges Problem. Sinnvoller wäre es zu erörtern, wie noch mehr Menschen in Verhältnissen leben können, in denen sie zu starken Individuen reifen, die sich ihrer selbst bewusst und offen gegenüber Neuem sind – und keine diffusen Gefühle benötigen, um sich notdürftig eine Identität zu konstruieren.

Ängste vor Fremden und Sehnsüchte nach Heimat in der Bevölkerung ernstzunehmen bedeutet nicht, sie einfach zu legitimieren oder sich von ihnen leiten zu lassen, sondern zu analysieren, was deren Ursachen sind. Heimattümelei und Identitätsbildung durch Ausgrenzung sind in der Rechten beheimatet. In der Linken sollten hingegen praktische progressive Politik, Offenheit sowie die Bereitschaft, sich stets zu verändern, zuhause sein.

Ein Kommentar zu „Heimat-Debatte: Immer nur Vergangenheit!

  1. Für mich gab es in meiner bisherigen Entwicklung u Erziehung in meiner Familie die dann in Trennung lebte u meinen Beruf als Hochseefischer zwangsläufig eine fast heimatlose Entwicklung, andererseits vom menschlichen her eine Öffnung für alles was ich als gut erlebte in der Zuwendung u in der DDR durch meinen Umzug mit meiner Mutter von München in ihre alte Heimat im Vogtland mit Geschwistern u die politische Ausrichtung zu allen Völkern, die um ihre Unabhängigkeit im kolonialen Joch kämpften wie Indien mit M.Gandhi u später Vietnam um die Befreiung von den Franzosen u der USA-Aggression oder Angola, Simbabwe, Chile, Kuba, Afghanistan, Algerien, Irak, Syrien u Palästina(bes. Problem aufgrund d Holocaust mit Israel)usw! Ich gestehe jedem Volk seine angestammte Heimat zu u auch seine traditionelle Kultur u finde es unmöglich, dass der Westen u vorrangig die USA ihre Einstellung von Demokratie jedem anderen Land der Erde unter dieser Floskel von Demokratie u Freiheit aber in Wirklichkeit nur um Macht u marktwirtschaftlicher Expansion u Dominanz über Leichen aufdrängen wollen! Ebenso lehne ich jede Diktatur wie sie im 3.Reich herrschte ab, aber nicht wenn es um die souveräne Behauptung eines Landes geht wie in den ehemaligen Kolonialländern oder Russland u China die über die Jahrhunderte sich von einem Ausbeutungssystem nationaler u internationaler Mächte befreien mussten! Wer die Geschichte richtig ließt u das nicht nur von einer Seite der kommt zu einer objektiveren Einschätzung u bewertet auch die Gegenwart anders, als sie uns heute vorgegeben wird! Ich habe zu meiner Ursprungsheimat Bayern u den dortigen traditionellen Werten eine gute Einstellung, aber ich lehne jedes eingeengte egomane politische Denken ab was auch Oskar Maria Graf in Bayern ablehnte u deshalb auch in den USA blieb! Genauso erlebte ich in der ehemaligen DDR eine teiweise einseitge Neuorientierung, die dazu führte, das altes Brauchtum u alte traditionelle Werte teilweise ablehnte u dadurch bei der Identifizierung mit dem Land u seiner Geschichte Probleme bekam u sogar wichtige Zeugen bzw traditionelle.Kulturgüter auf dem historischen Müll landeten, die ich bzw. andere dann fanden(wie zum Beispiel eine komplette Frauentracht oder eine Garnwirtel) u es dann im Heimathof oder Regionalmuseum abgaben! Die faschistische Art u Weise der Heimatbetrachtung zur Ablehnung anderer Kulturen u deren Diskriminierung, wie sie heute in der rechten Szene weiter betrieben wird, lehne ich grundsätzlich ab! Aber ich lehne auch ab dass man anderen Ländern u Völkern seine politischen Grundsätze u Lebensart aufzwingt um in Wirklichkeit ganz andere Macht u Witrtschaftsinteressen durchzusetzen! Genauso lehne ich auch jeden fremden Extremismus ab, egal welcher Natur oder Religion, wenn sie die Menschenrechte verletzt, beobachte aber auch die Entwicklung in der Geschichte, wie es dazu kam und ein Feindbild das andere erzeugte und lehne jede Doppelmoral ab die vorgibt Demokratie u Freiheit zu bringen aber in manipulativer Art u Weise u psychologischer Kriegsführung Feindbilder schafft und andere dazu benutzt ihre Interessen durchzusetzen u sie dann nach Mißbrauch als die „Täter“ bekämpft, wie die Taliban, Bin Laden u jetzt den IS u andere so genannte Terrorgruppen!
    Peter Scholl-Latour ein Antikommunist hat hier für mich authentisch u unter Einsatz seines Lebens versucht die wahren Hintergründe in den Konflikten aufzudecken! Auch Gorbatschow der auf der Suche nach echter Demokratie blauäugig vom Westen zur Wende ausgespielt wurde u nun erkannt hat was dahintersteckte! Man aber ein ganz anders geartetes Buch von ihm gegen Putin auf den Markt gebracht hat! Ich erkenne mittlerweile die verschiedenen Handschriften u wahrscheinlich wird auch mein Kommentar hier zum Thema in Händen landen, die wissen wollen wie ich ticke um gegen mich vorgehen zu können, aber sollen sie, mir geht es um jeden Menschen der ein Recht auf seine traditionelle Heimat hat, egal wo er herkommt, wenn er einen echten Bezug dazu hat um seine Identität leben zu können, die jeder Mensch eigentlich braucht zum Leben, ob es nun ein Land ist oder nur einen Ort oder eine Familie mit entsprechender Kultur, aber ich lehne jede egomane Eingrenzung nach aussen ab und mir ist jeder Mensch willkommen, egal welcher Hautfarbe oder Religion, nur human muss er sein und ich beurteile ihn nach seinem Charakter, so wie es Martin Luther King gepredigt hat u nicht nach seiner Hautfarbe u Herkunft! Aber ich lehne jede Politik ab die über Leichen geht u Menschen ihrer angstammten Heimat u Länder mit wertvollen Kulturen beraubt u zerstört oder zerstören läßt nur um seine Expansionsziele egal aus welchen Gründen befriedigen zu können! Das hat für mich dann nichts mehr mit Demokratie u Freiheit zu tun, sondern ist grasse unmenschliche Diktatur u Völkermord, auch wenn es anders verkauft wird! Heimat kann also sehr viel sein, sowohl mit traditionellen Werten versehen, aber auch immer offen nach aussen und inhaltlich immer human u wirklich demokratisch, ohne Doppelmoral u Egomanie in ungesunder u destruktiver Art u Weise, die über Leichen geht, wie gegenwärtig erlebt u künstlich u mit Gewalt durch Zerstörung von souveränen Ländern auch die Heimat von Menschen zerstört u Flüchtlingsströme erzeugt u so bei uns hier in Deutschland u Europa die Lage zur Eskalation bringt u zur strategischen Destabilisierung!Auch durch die Zerstörung der Beziehungen zu solchen Ländern wie Russland!Da ich immer unterwegs war u mich lange nie richtig zu Hause fühlen konnte, habe ich schätzen gelernt, was Heimat, Freunde, traditionelle Werte u Beziehungen u auch Identifikation im Leben bedeuten können, ja sogar lebenswichtig sein kann, weil die Haltlosigkeit auch eine Gefahr bedeuten kann für Menschen die sich nicht mehr zu Hause fühlen können u deshalb auch eher zur Gewalt neigen! Habe ja mit Gefährdeten gearbeitet nach meiner Seefahrtszeit aus sozial schwachen Familien, aber ich würde nie eine engstirnige egomane Heimatbeziehung leben können, dazu hatte ich immer viel zu offen gelebt u auch entsprechende wertvolle Kontakte im In-und Ausland gehabt!

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