NSU-Komplex: Warum Verschwörungstheorien die Aufklärung behindern

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Angebliche Pannen und Zufälle, offene Fragen und Widersprüche – sowie ein Verfassungsschutz, der Akten verschwinden lässt: Der NSU-Komplex bietet mehr als genug Stoff für Verschwörungstheorien. Auch Journalisten und Politiker sowie andere Beobachter müssen aufpassen, sich nicht in Spekulationen zu verlieren. Vor allem, weil selbst ernannte Aufklärer im Netz versuchen, für Verwirrung zu sorgen.

Der „Arbeitskreis NSU“ (AK NSU) besteht aus mehreren Männern, die diverse Seiten, Blogs und Twitter-Accounts gleichzeitig bedienen und geheime Akten geleakt haben. Dazu veröffentlicht der Arbeitskreis regelmäßig ausführliche Dossiers über angebliche und tatsächliche Widersprüche bei den Ermittlungen zum NSU.

Dabei setzen die „Aufklärer“ auf die Bildsprache, die auch der NSU benutzte: Figuren aus dem Paulchen Panther-Comic. Beim NSU-Komplex handele es sich um „Lach- und Sachgeschichten“, heißt es außerdem. Die Agenda des AK NSU: Die rassistische Mordserie soll als angebliche staatliche Erfindung enttarnt werden. Die Verbrechen sollten den Neonazis nur in die Schuhe geschoben werden. Eine Legende, die vor allem im braunen Milieu für viel Freude sorgt.

Wer steckt hinter dem Arbeitskreis? Lars Winter beispielsweise macht beim AK NSU mit. Winter scheint ein bedeutender Netzaktivist zu sein: Bei Twitter hat er mehr als 50.000 Follower.

Doch wer sich die Mühe macht, die lange Liste genauer anzuschauen, wird schnell zahllose Fake-Profile finden: Diese folgen zwar Hunderten oder Tausenden anderen Nutzern, sind selbst aber passiv oder retweeten Spam. Auf die Frage, wie man zu so vielen falschen Followern kommt, schweigt Winter.

Aber was treibt ihn, beim Arbeitskreis NSU mitzumachen? Idealismus, verkündet Winter – und lässt zahlreiche Beschimpfungen und Unterstellungen folgen. Ich arbeite mit dem Geheimdienst zusammen, behaupten er und seine Mitstreiter plötzlich, nachdem ich ein Interview vereinbart und Fragen zum Hintergrund des Arbeitskreises geschickt hatte. Ohnehin sei der NSU nur ein Produkt von Geheimdiensten – oder wahlweise „Besatzern“.

Die Fragen selbst bleiben unbeantwortet. Dafür werden immer neue Behauptungen über mich und andere Kollegen verbreitet. Professor Hajo Funke, der im NSU-Komplex in vielen Medien als anerkannter Experte zu Wort kommt und auch Angehörige von Opfern berät, wird vom Arbeitskreis diskreditiert. Seine Glaubwürdigkeit soll systematisch zerstört werden.

Auch Alex G. will nach eigenen Angaben nur aufklären. Er übernimmt die Rolle des Gegenspielers zum AK NSU. G. behauptet, der Arbeitskreis sei von deutschen Geheimdienstlern aufgezogen worden. Ein enttarnter V-Mann-Führer wolle von den kriminellen Machenschaften beim Verfassungsschutz ablenken, so seine Theorie.

Wer mit G. spricht und seine Abhandlungen zum NSU liest, stellt schnell fest: Hier hat jemand Ahnung von der Materie. Aber auch G. vermischt munter Vermutungen, Fakten und Fiktion. Immer neue Räuberpistolen packt er aus. Wer will, findet hier den Eingang in eine verborgene Welt, in der geheimnisvolle Mächte sämtliche Strippen ziehen und alle Journalisten, Politiker sowie Ermittler nach ihrer Pfeife tanzen lassen.

Während die treibende Kraft des Arbeitskreises, der Blogger „Fatalist“, angeblich von Thailand aus den NSU-Komplex aufklären will, hält sich G. nach eigenen Angaben in Irland auf. Bemerkenswert – zwei selbst ernannte Whistleblower, beide wollen vom Ausland aus operieren.

Auch wenn Aufenthaltsort und Agenda unterschiedlich erscheinen: Gemeinsam haben die „Aufklärer“ den Hang zu ausschweifenden Kommentaren und verrohter Sprache. Sie hetzen gegen „Staatsantifa“ und „Lügenpresse“. G. schreibt mir, ich würde nur „Rotz“ verbreiten, der Arbeitskreis nennt mich eine „Arschwanze“. Keine Frage: Man will provozieren. Journalisten und Experten sollen sich mit den „Aufklärern“ beschäftigen.

Desinformation

Das Vorgehen dieser vermeintlichen Aufklärer erinnert stark an Zersetzungsmethoden und Desinformationskampagnen. Das Ziel solcher Strategien ist es, Personen oder Gruppen zu verunglimpfen oder zu diskreditieren. Systematisch werden Gerüchte gestreut, um Misstrauen, Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit und gegenseitige Verdächtigungen zu erzeugen – auch unter Journalisten.

Die Behauptungen über Kollegen, sie würden mit dem Geheimdienst kooperieren, stehen im Raum. Entweder man ignoriert sie, oder entkräftet sie eben mühsam – bis neue Unterstellungen auftauchen. Ein sinnloses Unterfangen, denn sie wollen vor allem Verwirrung stiften. Ihre Desinformation behindert so die Aufklärung, um die sich Dutzende Journalisten und Politiker seit mittlerweile mehr als drei Jahren bemühen.

Was diese „Whistlebower“ treibt, wer ihnen hilft, wie sie den kontinuierlichen Betrieb von diversen anonymen Internet-Seiten organisieren und finanzieren, bleibt im Dunkeln.

Wichtig zu wissen ist aber, und das gilt nicht nur im NSU-Komplex: Wer am lautesten Aufklärung, Fakten und Wahrheit verkündet, hat zumeist am wenigstens zu sagen.

6 Kommentare zu „NSU-Komplex: Warum Verschwörungstheorien die Aufklärung behindern

  1. Herr Gensing, kommen’S doch einfach mal bei mir in der Clayallee vorbei und ich stifte Ihnen einen Selbstgebrannten. Jetzt ist langsam gut mit der Dämonisiererei

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  2. Hallo Herr Gensing, wenn ich das so lese bekomme ich den Eindruck, dass Sie auch keine Ahnung mehr haben, was hier für Spielchen gespielt werden. Geht mir genauso.

    Ihre Kritik am Arbeitskreis ist teilweise völlig berechtigt. Umso erstaunlicher, dass Sie über die mutmaßlich aufklärungsbehindernden Verschwörungstheoretiker schreiben: „Das Vorgehen dieser vermeintlichen Aufklärer erinnert stark an Zersetzungsmethoden und Desinformationskampagnen. Das Ziel solcher Strategien ist es, Personen oder Gruppen zu verunglimpfen oder zu diskreditieren.“
    Ja, mag sein. Aber damit stellen Sie nun doch selbst eine Verschwörungstheorie auf, nicht wahr? Oder wo liegt denn bei der von Ihnen unterstellten Tätigkeit des Arbeitskreises bitte das Motiv? Das ist eine ernst gemeinte Frage.

    Weiterhin kann ich nur betonen, dass der Mangel an staatlicher und journalistischer Aufklärung dafür verantwortlich ist, dass vermeintliche(?) Trolle wie der Arbeitskreis überhaupt Aufmerksamkeit finden. Offensichtlich steckt im sog. „NSU“ ja deutlich mehr Staat oder zumindest Behördenwissen, als man uns zumuten möchte. Und auch die Nazi-Motivlage ist äußerst dünn belegt, sieht man mal von diesem ominösen Video ab, das ein Bekenntnis sein kann, aber eben nicht muss, da es nicht eindeutig ist in Aussage und Urheberschaft. Und der Ruf von Herrn Funke ist leider keine Träne wert, hätte er sich im Fall Florian H. nicht offensichtlich an Strippenzieherei und mutmaßlich an Beweismittelfälschung beteiligt, dann würde ich ihm heute noch glauben.

    Fazit: Der AK stellt für mich einen Nebenschauplatz dar, der nur dadurch interessant wird, weil wir von offizieller Seite massiv verarscht werden. Hunderte Ungereimtheiten und die ominösen Todesfälle (Corelli, Florian H., Arthur C., Melisa M. – für die ostdt. Polizisten habe ich leider immer noch keine verlässliche Quelle) lassen einfach keinen anderen Schluss zu.

    Über eine Erwirderung von Ihnen würde ich mich freuen.

    Lieber Kleppermann,

    danke für Ihren Kommentar.

    Ich kann keinen Mangel an journalistischer Recherche erkennen, zahlreiche Journalisten beschäftigen sich seit Jahren mit dem NSU-Komplex. Es gibt nur einen Unterschied zwischen sauberer Recherche und der Lust, die eigene These auf Biegen und Brechen zu unterfüttern.

    Viele Grüße
    Patrick Gensing

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  3. Hallo Herr Gensing, es fällt mir auf, dass sie sich auf berechtigte Kritik an persönlichen Pöbeleien wie „Arschwanze“ konzentrieren und gleichzeitig eine inhaltliche Auseinandersetzung über den NSU und die NSU-Berichterstattung scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Sie berichten immer wieder über „ausführliche Dossiers“ gehen aber in keiner Weise auf deren Inhalte ein, auch und gerade dann nicht, wenn sie ohne Polemik und Ressentiment auskommen:
    http://www.hintermbusch.de/nsu_ende.html
    Warum ist das so? Liegt das daran, dass es im Grunde gar nichts gibt, was Sie gegen die Quellen und die Schlussfolgerungen vorbringen könnten? Jedem, der sich nur ein wenig mit den Vorgängen in Eisenach beschäftigt hat, ist eigentlich klar, dass hier ein Doppelmord stattgefunden hat und dass dieser mit Manipulationen in den Ermittlungen und bewusster Falschberichterstattung in den Leitmedien vertuscht wird, mit welchem Hintergrund auch immer. Wer das nicht offen ausspricht, ist kein Aufklärer. Wer es aber offen ausspricht, wird wahrheitswidrig und grob unsachlich auch von Ihnen in die rechte Ecke gedrängt. Dabei gilt: Fakten, Faktentreue und das Recht sind weder rechts noch links, sondern die Grundlagen schlechthin für ein friedliches Zusammenleben in einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft.

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