Gekommen um zu bleiben: Ewald Lienen rettet den FC St. Pauli

lienen
Ewald Lienen

Es ist vollbracht: Trotz einer über weiten Strecke desolaten Saison hat der FC St. Pauli noch den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga erreicht. Dank eines von vielen nicht für möglich gehaltenen Endspurts im letzten Drittel der Saison. Ewald Lienen formte aus einem komplett verunsicherten Haufen von Kickern eine verschworene Truppe.

Fettes Brot widmete dem neuen Star am braun-weißen Himmel über Hamburg einen wunderbaren Song.

Hier übrigens das Original des Songs „Evelin“

Die Umstände von Lienens Verpflichtung als Cheftrainer bei St. Pauli sind bis heute etwas nebulös, aus in diesem Fall ausnahmsweise nicht so gut informierten Kreisen hört man lediglich, dass es rund um die Nicht-Verpflichtung von Deniz Naki und die Verpflichtung von Ante Budimir deutliche Meinungsverschiedenheiten im Club gegeben habe.

Doch das ist derzeit nebensächlich, mittlerweile schmücken hunderte Lienen-Aufkleber die ohnehin schon reichlich dekorierten Hauswände, Verkehrsschilder und allen anderen Flächen, die sich bekleben lassen, auf St. Pauli.

Herrlich, Göttlich

Nach dem Klassenerhalt des FC St. Pauli bei Darmstadt 98 begleiteten Trainer Lienen, Präsident Oke Göttlich und einige Spieler die St. Pauli-Fans im Sonderzug auf dem Rückweg nach Hamburg. Damit sie den Zug nicht verpassten, hatte Göttlich Lienen aus einem Sky-Interview geholt und in die Straßenbahn in Richtung Hauptbahnhof gezerrt.

Video: Lienen haut von SKY-Interview ab.

Neben dem sportlichen Erfolg, den Lienen zurück ans Millerntor gebracht hat, zeichnet „Zettel Ewald“ vor allem die Fähigkeit aus, den FC St. Pauli zu verstehen – was ich eigentlich für gar nicht so schwierig halte, wenn man auch nur ein Mindestmaß an Interesse, Empathie und einen Funken politischen Verstand mitbringt.

In Interviews betonte er mehrmals, dass der FC St. Pauli mehr sei, als nur ein Fußballverein.

Wer nun meint, dies sei eine leere Floskel, der sollte sich die Entwicklung am Millerntor etwas genauer anschauen: Das Stadion ist keine tote Arena, die möglichst gewinnbringend für Events vermietet wird, sondern es ist das Zuhause der Fans. Tempel, Treffpunkt und Veranstaltungszentrum: In der neuen Gegengeraden befinden sich der Fanladen und die Fanräume – dazu kommt das neue Museum. Hier finden mehrmals pro Monat größere Veranstaltungen statt, die von der aktiven Fanszene organisiert werden: Lesungen, Casino-Abende, Konzerte, Podiumsdiskussionen, Partys – alles zumeist für einen guten Zweck, seien es Flüchtlinge oder auch die finanzielle Absicherung von künftigen Aktivitäten. Dazu kommen Stammtische (beispielsweise von der Initiative St. Depri) und andere regelmäßige Termine.

Zivilgesellschaft

Oft wird darüber gemutmaßt, warum die großen demokratischen Parteien kontinuierlich Mitglieder verlieren und so wenig attraktiv erscheinen, wenn Veranstaltungen für die Basis organisiert werden. Diese Veranstaltungen sind nämlich zumeist so, wie sich Funktionäre offenbar solche Veranstaltungen für die Basis vorstellen: Grillwürstchen, ein paar Luftballons für die Kinderchen, ein bürgernaher Auftritt des jeweiligen Abgeordneten aus dem Wahlkreis. Jede Vorstandssitzung des Heimatgartenbunds Altona stelle ich mir aufregender und inspirierender vor.

Die Funktion von Volksparteien haben regional mittlerweile Fußballvereine übernommen. Der FC St. Pauli ist allgegenwärtig – nicht, weil der Verein ständig Werbefläche zukleistern ließe, sondern weil die Menschen die Liebe zu diesem Verein, zu dieser Idee, in ihrem Herzen tragen und tatsächlich leben – und dadurch verschiedene Milieus und Menschen miteinander verbunden werden. Der Fußball an sich bietet den Menschen einen quasi-religiösen Überbau.

Dazu gehört auch, dass Politik vollkommen selbstverständlich zum Konstrukt FC St. Pauli gehört: Solidarität mit Flüchtlingen, Spendenaufrufe für die Rote Flora, Unterstützung für Initiativen im Viertel. Der FC St. Pauli ist längst ein relevanter gesellschaftspolitischer Player und mittelständisches Unternehmen in der Hansestadt, dementsprechend war es auch nur folgerichtig, dass mit Oke Göttlich ein Präsident an die Spitze gewählt wurde, der exakt diese Mischung aus Politik, Sport, Kultur und Wirtschaft verkörpert.

Sozialdemokrat mit Weitblick

Ex-Bundesfinanzminister Hans Apel hatte bereits in den 1980er Jahren erkannt, dass die SPD ein massives Problem bekommt, weil sich neue gesellschaftliche und politische Milieus formierten, die von den Volksparteien nicht zu erreichen waren.

Mittlerweile könnte der FC St. Pauli wahrscheinlich bei einer Kandidatur bei der Bürgerschaftswahl problemlos die Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Doch darum geht es nicht, es geht um demokratisches Leben abseits von Parteien und Parlamenten, um die viel zitierte Zivilgesellschaft. Für die spielerische Kultur des Fußballs mag der FC St. Pauli keine große Bereicherung sein, doch als Akteur an der Schnittstelle zwischen Sport und Politik ist der Verein ein Vorbild in Sachen gelebter Demokratie. Die gemeinsame Idee eines aufmüpfigen politischen Fußballvereins bietet  zudem einen gewissen Schutz vor dem Versinken in der Vereinsmeierei – und kann der Gegenentwurf zu Fußball-Aktiengesellschaften werden, in denen aktive Fans kaum noch Einfluss nehmen können.

Umso erfreulicher ist es, dass Ewald Lienen tatsächlich noch die sportliche Wende einleiten konnte – denn ein Abstieg von St. Pauli ist auch immer ein Rückschlag für die Idee des Clubs. Genau deswegen dürfte Lienen auch für einen 15. Platz in der 2. Liga in seiner Karriere wohl noch nie so dermaßen abgefeiert worden sein. Wobei sich bei dem Stichwort „Karriere“  die Frage stellt, warum der Mann nicht bereits vor Jahren ans Millerntor geholt wurde? Aber vielleicht wäre das zu einfach gewesen. Und so ist es doch einfach noch etwas toller…

Fotos aus Darmstadt bei Stefan Groenveld.