Rechtspopulisten und Medien: eine Win-Win-Situation

Gezielte Provokationen und vermeintliche Tabubrecher in der modernen Mediengesellschaft – über das Wechselspiel aus Inszenierung und Skandalisierung an den Beispielen von Ronald B. Schill, Thilo Sarrazin, der AfD und PEGIDA.

Der Begriff Populismus wird oft als Synonym für Demagoge oder Opportunismus benutzt. Der Begriff ist eindeutig negativ konnotiert. Beim Populismus handelt es sich um eine politische Bewegung, die sich auf einige Grundpfeiler stützt: Nämlich auf die Normen, kulturellen Vorstellungen und spontanen Stimmungen der „einfachen Leute“.

Der Populismus spricht und handelt im Sinne des „Volksempfinden“, seine Positionen muss der Populist gar nicht weiter begründen, sei es durch Fakten oder Argumentationsketten – die Positionen des Populisten basieren auf dem „gesunden Menschenverstand“. Der „gesunde Menschenverstand“ wird im Populismus zur höchsten Instanz – auf allen Ebenen, egal ob Moral, Justiz oder Politik selbst. Der „gesunde Menschenverstand“ sieht sich selbst als ein Verstand, der konkrete, anschauliche Urteile auf Basis alltäglicher (Lebens-)Erfahrung fällen könne und auf praktische Anwendung ausgerichtet ist – und nicht auf auf abstrakte Theorie. Einfach, verständlich und nah am einfachen Menschen.

Der Populist geriert sich stets als echt, als authentisch und bodenständig – und als Anwalt des kleinen, rechtschaffenen und fleißigen Mannes. Populismus verspricht einfache Antworten auf komplexe Probleme und Phänomene. Diese Lösungsvorschläge müssten nur schnell und vor allem ohne viel Gerede umgesetzt werden. Der Populist sieht sich als Pragmatiker und als Konterpart zum abstrakten, spekulativen Expertenverstand.

Der „gesunde Menschenverstand“ hält sich für eindeutig, klar und vor allem „ganz normal“, dabei bleibt er höchst diffus, verändert sich und ist in sich auch widersprüchlich: Einerseits kommt der „gesunde Menschenverstand“ als Bauchgefühl daher, gleichzeitig basiert er angeblich auf Wissen und Erfahrungen. Einerseits ist er angeblich kritisch gegenüber „denen da oben“, andererseits aber ist er höchst konservativ und wendet sich gegen gesellschaftlichen Fortschritt sowie von der Norm abweichendes Verhalten. Diese Ambivalenz ist vor allem ein Phänomen der Mittelschicht, die ihre Rechte, Privilegien und Normvorstellungen verteidigt und durchsetzen will.

Rechtspopulisten polemisieren gegen faule Einwanderer, gierige Griechen, die abgehobene Europäische Union und korrupte etablierte Parteien, sogenannte „Gutmenschen“ oder abgehobene Akademiker. Außerdem fordern sie unter anderem eine leistungsorientierte Gesellschaftsordnung, gleichzeitig aber mehr staatliche Hilfe für die eigene Klientel – sprich den kleinen Mann bzw. Otto Normalverbraucher und dessen Familie.

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Der Populist steht im Gegensatz zu dem ausschweifenden Gerede, zu langen tiefgründigen und intellektuellen Diskussionen, er steht im Gegensatz zum Ausgleich, zu Kompromissen, in denen die Interessen und Belange von Minderheiten berücksichtigt werden. Der Populist behauptet, im Namen einer vermeintlichen Mehrheit zu sprechen, die aber unterdrückt werde: Entweder von mächtigen Lobby-Gruppen oder von Minderheiten, die ihren Willen ohne Rücksicht und auf Kosten der „normalen“ Mehrheit durchsetzen.

Der Populist fordert daher gerne direkte Demokratie, also Volksabstimmungen – damit die Mehrheit unmittelbar bestimmen kann – ohne dass Ideen und Konzepte in den Parlamenten – abwertend „Quasselbuden“ genannt – noch von vermeintlich korrupten Politikern und Lobbyisten zerredet werden können. Dieses Verständnis von Demokratie kennt nur die direkte Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit – kompromisslos. Alle politischen Probleme werden von der Mehrheit formuliert und auf Ja oder Nein verengt. Auch das Prinzip von „Check and balance“ – also der gegenseitigen Kontrolle von Verfassungsorganen eines Staates – spielt in einer populistisch geprägten Demokratie keine Rolle. Minderheiten, deren Rechte der Staat zu wahren verpflichtet ist, werden ignoriert. Minderheiten spielen hingegen eine immense Rolle, wenn es darum geht, die eigene Identität durch Abgrenzung zu definieren und zu bestätigen.

Der Rechtspopulismus vertritt – wenig überraschend – äußerst zugespitzte Positionen der politischen Rechten. Offener Rassismus ist die Ausnahme, stattdessen wird ein kultureller Rassismus propagiert. Demnach werden Menschen in verschiedene feste Kulturkreise eingeteilt und ihnen werden darüber bestimmte Eigenschaften angedichtet. Selbst zählen sich Rechtspopulisten zum „Christlichen Abendland“ – was darunter zu verstehen sein soll, bleibt zumeist höchst diffus. Auch die aufgestellten Forderungen sind oft wenig realistisch und haben nur wenig mit der Realpolitik zu tun, wie sich bei der Arbeit von rechtspopulistischen Fraktionen in Parlamenten zeigt. Rechtspopulistische Parteien und Organisationen agieren zumeist aus der Opposition heraus und erheben plakative Maximalforderungen, die sich kaum realisieren lassen. Sind sie in Regierungsverantwortung, schlagen sie zumeist einen moderateren Kurs ein, was Teile der Anhängerschaft verärgern kann.

Rechtspopulisten fordern oft weniger Staat im sozialen Bereich oder in der Bildung, aber einen starken Staat bei der Inneren Sicherheit. Mit dem Instrument der Repression sollen zahlreiche politische und gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Dafür müsse der Staat aber hart durchgreifen.

Aufstieg und Fall des Richters Gnadenlos

Der Amtsrichter Ronald Barnabas Schill sorgte in den 1990er Jahren zunächst in Hamburg und bald auch bundesweit für Schlagzeilen. Wegen einiger Urteile mit hohem Strafmaß erhielt Schill von der Boulevardpresse den Spitznamen „Richter Gnadenlos“. Schill trat häufig in der Presse und auch im Fernsehen auf, wobei er allgemein härtere Bestrafung insbesondere von Wiederholungstätern forderte. Schill beklagte zudem ein „Kartell strafunwilliger Jugendrichter in Hamburg“. Mitte der 1990er Jahre, Schill war erst seit wenigen Jahren Richter am Amtsgericht, schaffte er es bereits in die „BILD“-Zeitung. „Urteilen deutsche Richter zu milde?“, fragt „Bild“ am 22. August 1997 und führte Schill als positives Gegenbeispiel an. Vier Tage später lautete die rhetorische Frage von „Bild“: „Richter Gnadenlos – brauchen wir mehr von seiner Sorte?“

Schill als TV-Gast (Screenshot YT)
Schill als TV-Gast (Screenshot YT)

Als Richter beim Amtsgericht wollte Schill einen Inder, der mit einem gefälschten EU-Pass in eine Kontrolle geraten war, für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis schicken. Und eine psychisch kranke Frau, die Autos zerkratzt hatte, wurde gleichfalls für zweieinhalb Jahre in den Knast geschickt. Ohne Bewährung. „Der Spiegel“ bezeichnete Schill im August 2001 als „Messias der Schrebergärtner“.

Schill hatte nichts zu tun mit dem Klischee des Ewiggestrigen Nazis. Rechtspopulisten grenzen sich von Nazis ab. Schill tat dies beispielsweise mit dem Hinweis auf seinen kommunistischen Großvater, den die Nazis in Neuengamme eingesperrt hatten. Mit den braunen Schmuddelkindern will man nichts zu tun haben – auch für Medien ist dies ein KO-Kriterium. Der Rechtspopulismus ist bürgerlich geprägt – und daher stehen die Chancen auf Erfolge auch größer.

Schills Aufstieg wäre ohne die wohlwollende Berichterstattung in den Hamburger Medien wohl kaum denkbar gewesen. Die Nähe der Schill-Partei zu einem Reporter der BILD wurde später sogar zum Skandal. Doch auch ohne solche mutmaßlichen Seilschaften haben Rechtspopulismus und Boulevardmedien ähnliche Ziele und Methoden: So verpackte Schill seine Botschaften unzweideutig und prägnant. „Härte zeigen“, so lautete eine Parole. Dazu kam sein Versprechen, als Innensenator werde er die Kriminalität innerhalb von 100 Tagen halbieren (was selbstverständlich nicht gelang).

Parolen wie Schlagzeilen

An diesen Beispielen wird deutlich, warum sich Rechtspopulismus und Medien so optimal ergänzen können – vor allem Boulevardmedien. Forderungen werden im Schlagzeilenformat vorgetragen. Sie sind kurz und knackig, es sind klare Botschaften, die an Ängste appellieren und die als Hingucker, also Aufmacher, dienen.

Und nicht nur in Stil- und Sprache decken sich die Interessen von Rechtspopulismus und Boulevardblättern, auch inhaltlich. Themen werden eher oberflächlich und meist aus einer individuell-konkreten Perspektive behandelt. Es ist ein Spiel mit der Angst: Themen von menschlichen Schicksalen, insbesondere Kriminalität, sind in Boulevardblättern reichlich vertreten – und auf die Angst der Bürger setzen auch die Rechtspopulisten.

Im Fall Schill war es schließlich noch so, dass auch noch die Selbstdemontage des einstigen Helden reichlich Stoff für Medien bot. Koks und Sex in Rio und schließlich der Auftritt bei Big Brother. Einst bewunderter Lebemann, jetzt eine Schande für Hamburg. Schills ehemalige Mitstreiter in der Schill-Partei gerieten hingegen schnell in Vergessenheit: Die Partei zerfiel ohne den Frontmann über Nacht. Rechtspopulisten propagieren nicht nur das Prinzip des starken Mannes, sie sind auch von einem abhängig, der die anderen Möchtegern-Anführer gängelt. Schill war der Anführer, das mediale Gesicht und der Lautsprecher seiner Bewegung, die auf ihn zugeschnitten war – die Leute, die sich dahinter versammelt hatten, waren für Medien und Wähler uninteressant.

Meister der Zahlen: Thilo Sarrazin

Nun könnte man angesichts des Aufstiegs und Fall von Ronald Schill denken, eine Symbiose aus Rechtspopulismus und Medien sei nur bei Boulevardblättern möglich. Dass dies nicht der Fall ist, bewies Thilo Sarrazin. Der damalige Berliner Finanzsenator gab im Februar 2008 Tipps, wie ALG-II-Empfänger sich für weniger als vier Euro pro Tag ernähren könnten. Im Juli 2008 riet er Menschen, die wegen der hohen Kosten für das Heizen nicht mehr mit ihrem Budget auskommen, doch einfach einen Pullover überzuziehen. Thesen, mit denen er bereits Schlagzeilen produzierte.

Im September 2009 publizierte die Kulturzeitschrift „Lettre International“ Thesen von Sarrazin, wonach es eine starke Elitenförderung geben müsse. Zudem sprach Sarrazin von „etwa 20 Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden“. In diesem Kontext schlug er unter anderem die komplette Streichung von Transferleistungen für Ausländer aus der „Unterschicht“ vor. Über die türkischen und arabischen Migranten äußerte er wörtlich:

„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. […] Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.“

Sarrazin ist alles andere als ein Volkstribun, kein Frauenheld und Lebemann wie Schill. Dafür stellte Sarrazin seine Thesen über die Landnahme durch „kleine Kopftuchmädchen“ auf eine ganz neue Basis. Nicht allein starke Sprüche und steile Thesen sollten überzeugen, sondern saubere Statistiken. Sarrazin diktierte mit seinen scheinbar erwiesenen Thesen den öffentlichen Diskurs – wer sich gegen Sarrazin stellte, wurde mit neuen Zahlenkolonnen konfrontiert, die es zu entkräften gelte. Sarrazin gab nicht nur das Thema vor, sondern auch den Verlauf der Debatte. Sarrazin gibt den unpolitischen und postideologischen Fachmann, der seine Behauptungen durch angeblich neutrale und unbestechliche Fakten beweist.

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Unter anderem ist es nun Der Spiegel, der 2010 Auszüge aus Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorab abdruckt. Der Erfolg des Buches ist durchschlagend: Bereits in den ersten Tagen nach Verkaufsstart werden immer neue Auflagen gedruckt. Doch auch die Kritik ist immens: Sarrazin wurde von Spitzenpolitikern aller etablierten Parteien und Journalisten etablierter Medien gerügt, erhielt von einzelnen Kommentatoren jedoch auch Zustimmung. Besonders rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und Politikern sahen sich durch Sarrazins Buch bestätigt.

Aus der ganz überwiegenden Kritik an dem Buch wurde dann der Mythos geboren, Sarrazin solle mundtot gemacht werden – obgleich er seine Thesen in BILD und Spiegel bereits vorab verbreiten konnte – und danach praktisch durchgehend und flächendeckend das mediale Hauptthema war und teilweise den Diskurs vorgeben konnte. Der Journalist Berthold Kohler meinte, die Botschaft für Sarrazin, „aber auch andere potentielle Abweichler vom politischen Mainstream, die Sarrazins der Zukunft, ist klar: Wer solche […] Bücher schreibt, muss sich auf politische und gesellschaftliche Ächtung gefasst machen. […] Die Freiheit der Andersdenkenden war einmal.“ Obwohl das Buch also an die Bestsellerliste emporstieg und Sarrazin in den Medien Dauergast war, werde er geächtet – so die These. Legitimer und sachlich begründeter Widerspruch wurde so mit einem beachtlichen Kunstgriff zur Hetze abgestempelt. (Berthold Kohler: FAZ, 10. September 2010)

In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, also wiederum in einem der wichtigsten Blätter Deutschlands, meldete sich dann Sarrazin selbst zu Wort und sprach von „Inquisitoren“, die Kanzlerin habe sein Buch auf den Index gesetzt. Sarrazin sieht sich demnach von Feinden „in Politik und Medien“ umstellt. Die Medien, die sein Buch groß gemacht hatten, erklärte er nun zum Feind, weil ihm überwiegend Ablehnung entgegen schlug. Sarrazin stilisierte sich zum mutigen Rebellen, der unbequeme Wahrheiten aussprach – ein Slogan, den wir auch von der BILD kennen. Ein bürgerlicher Märtyrer war geboren, ein Kämpfer gegen den vermeintlichen Einheitsbrei in deutschen Medien. Und die Medien selbst profitierten durch hohe Aufmerksamkeit für die Debatte, die sie abbilden konnten.

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass trieb diese mediale Selbststilisierung als vermeintliches Opfer der Medien noch auf die Spitze: Nachdem er sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ in der Süddeutschen Zeitung und weiteren großen Blättern veröffentlicht hatte, musste er dafür viel Kritik einstecken. Aus Feuilletons und linksdogmatischen sowie rechtsradikalen Milieus erhielt er aber auch viel Zustimmung. Grass beklagte schließlich eine „gewisse Gleichschaltung“ in der Öffentlichkeit, erhob sich so in den Stand eines Widerständlers – und verstärkte gleichzeitig das ohnehin wachsende Ressentiments, „die Medien“ würden gesteuert. Eine These, die in Internet-Foren an Popularität gewann – und von der auch in den folgenden Jahren noch viel zu hören sein sollte.

Der parlamentarische Arm des „gesunden Menschenverstands“

Rechtspopulisten behaupten gerne von sich, für die schweigende Mehrheit des Volkes zu sprechen; doch bei Wahlen sind sie denkbar weit von einer Mehrheit entfernt. Ein Widerspruch, der aufgelöst werden muss – über das Feindbild Medien.

Im März 2014 beschwor AfD-Chef Bernd Lucke das Bild der AfD als Underdog, als wackere „Freiheitsbewegung“, die nur durch einen eklatanten „Missbrauch der Pressefreiheit“ am triumphalen Einzug in den Bundestag gehindert worden sei. Fast eine Dreiviertelstunde schimpfte Lucke bei einem Parteitag auf die Journalisten, die seine Partei „verunglimpft“ hätten. Die Medien wollten AfD-Mitgliedern „den Mut nehmen, ihre Meinung zu sagen“.

Damit brachte Lucke die Partei wieder hinter sich. Zuvor hatte er reichlich interne Kritik einstecken müssen. Das Feindbild Medien hat bei Rechtspopulisten also massiv an Bedeutung gewonnen – und der Aufstieg der AfD zeigt, dass durch die sozialen Medien mittlerweile abseits der großen Medien eine Breitenwirkung erzielt werden kann. Zudem sind neue mediale Akteure aufgetaucht, die Deutschen Wirtschaftsnachrichten beispielsweise spielten beim Aufstieg der AfD eine große Rolle. Die AfD-nahe Internet-Seite erreicht mit populistischen Artikeln zu Themen wie EU und Eurokrise eine beachtliche Reichweite.

Die Flügelkämpfe in der AfD spiegeln indes die bereits erwähnten internen Widersprüchlichkeiten des Rechtspopulismus wieder: Einige Akteure setzen voll auf Nationalkonservatismus, andere wollen vor allem mit einem strikt marktradikalen Programm punkten. Einig ist man sich bei der AfD weitestgehend im Kampf gegen eine „Diktatur Brüssels“ – gegen die sich die Partei aus aufrechten Professoren, Wirtschaftslobbyisten und erfolgreichen Mittelständlern heldenhaft auflehne.

Retter des Abendlandes

Die PEGIDA-Bewegung macht es noch eine Nummer größer, sie verspricht ihren Anhängern einen noch grundsätzlicheren und härteren Kampf: Hier geht es nicht nur um die gute, alte D-Mark und gegen Bürokraten in Brüssel, sondern gleich um die Verteidigung des gesamten Abendlandes mit seiner angeblich jahrtausendealten christlich-jüdischen Tradition gegen muslimische Horden aus dem Morgenland.

Auch PEGIDA wuchs zunächst ausschließlich im Internet, in neurechten Blogs gab PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann Interviews, die Mobilisierung erfolgte ebenfalls über das Netz. Ansonsten sprach man gar nicht mit den Medien. Das war neu – und weckte die Neugier auf PEGIDA. Nachdem die Demonstrationen kontinuierlich wuchsen, stiegen auch überregionale Medien auf das Thema ein – und verschafften PEGIDA eine immense Öffentlichkeit. Medien überboten sich gegenseitig darin, O-Töne von PEGIDA-Demonstranten einzusammeln und zu drucken oder zu senden. Höhepunkt war die Sendung Günter Jauch, in der PEGIDA-Sprecherin Katrin Oertel als eine Art Stargast auftrat – und weitestgehend auf Verständnis stieß.

Der Protestforscher Simon Teune kommentierte in der Süddeutschen Zeitung den medialen Hype um Pegida:

Um die vielleicht 20 000 Marschierer im Südosten hat sich eine Blase gebildet, die in der Protestgeschichte der Bundesrepublik einmalig sein dürfte. […] Die Diskussionen über die neusten Montagsdemonstrationen füllten Zeitungen, Talkshows und die Timelines der sozialen Medien. Sicher, es geht um die größte rassistisch grundierte Mobilisierung in der Nachkriegsgeschichte. Und das Klima der Angst, das die Proteste bei jenen erzeugen, die bei den „Wir sind das Volk“-Rufen ausgeschlossen werden, ist nicht hinnehmbar. Insofern muss Pegida Thema sein. Aber: Die Demonstrationen bleiben doch ein lokales Phänomen. Dass die Berichterstattung alle Rekorde sprengte und beinahe jedes Plakat direkt übertragen wurde, hat die Bewegung erst aufgewertet. Die Obsession für Pegida erhielt schließlich einen absurden Dreh: Die völkische Stoßrichtung geriet zur Nebensache. Stattdessen steht die Republik nun zum Dialog mit Pegida Schlange.

[…] In den sich gegenseitig aufschaukelnden Redaktionen herrschte das Pegida-Fieber. Die Teilnehmerzahlen der Polizei, die sich – von unabhängiger Seite geprüft – als überhöht erwiesen, wurden zum Pulsmesser der Republik. […] Zwar ist die Faszination für Pegida nicht mit Unterstützung gleichzusetzen – fast einhellig wurden die Proteste in Kommentaren zurückgewiesen. Trotzdem bereitet man den Protestierenden eine kolossale Bühne.“

Bemerkenswert daran ist, wer in Deutschland Aufmerksamkeit genießt. Während beispielsweise wochenlange Proteste von Flüchtlingen oder auch deren Unterstützer medial kaum beachtet wurden, soll die Öffentlichkeit für dumpfe rassistische Stereotypen plötzlich viel Verständnis und Offenheit zeigen – oder zumindest darüber verhandeln.

Kritische Kritiker

Die „Systemmedien“ oder die „Lügenpresse“ gehören für „Pegida“ & Co. zu einem der wichtigsten Feindbilder. Man tritt zwar angeblich für Pressefreiheit ein, aber nur so lange, wie die jeweiligen Medien das berichten, was man hören, sehen oder lesen will – bzw. was ins eigene Weltbild passt (und das ist nicht unbedingt viel). Daher gewinnen auch populistische Internet-Seiten an Relevanz. Längst haben sich politische Milieus gefunden und miteinander verbunden, die sich dynamisch radikalisieren – und von großen Parteien sowie etablierten Medien weiter entfernen. Denn für jeden Themenschwerpunkt (Israel- oder Islamkritik, Klima, “Gutmenschen-Terror”, Untergangsszenarien, Kulturpessimismus, “Sexualisierung”, Esoterik, Impfskeptiker usw.) existieren lose Netzwerke im Internet – Blogs, Facebook-Seiten, kleine Magazine. Hier können sich „kritische“ Bürger stets mit den neuesten Meldungen zum jeweiligen „Fachgebiet“ (gegenseitig) versorgen. So wächst die Bedeutung von mono-thematischen Angeboten, die einfache Antworten auf komplexe Fragen bieten, immer weiter.

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Diese Fixierung auf solche Informationsblasen hat Folgen: Denn schaut beispielsweise ein überzeugter Klimaskeptiker in große Medien, findet er Meldungen, die in seiner Community als extrem wichtig erachtet werden, lediglich als Randnotiz. Oder gar nicht. Beispielsweise, weil die Meldung in der Gewichtung der jeweiligen Redaktion als nebensächlich eingestuft wurde oder weil die Quelle schlicht unseriös war. Daraus folgert unser Klimaskeptiker in einem bemerkenswerten Umkehrschluss, dass die jeweilige Meldung nicht zu unwichtig, sondern vielmehr zu wichtig und brisant sei, um in den „Systemmedien“ aufzutauchen.

Interessant ist zudem, dass sich die Leute, die schnell von Zensur und gesteuerter Presse sprechen, gerne auf Artikel in etablierten Medien beziehen, wenn der jeweilige Inhalt mit der eigenen Weltsicht korrespondiert. Glaubwürdigkeit ist also ein flexibler Begriff, der täglich neu definiert wird. Die Grundregel dabei lautet: Hohe Glaubwürdigkeit genießt der, der mir sagt, was ich ohnehin hören will.

Die BILD als politischer Akteur
Die BILD als politischer Akteur

Von diesem Grundsatz versuchen Boulevardblätter zu profitieren, indem sie versuchen, die Stimmungen des „kleinen Mannes“ zu treffen. Die Bild-Zeitung machte zuletzt mit Kampagnenjournalismus gegen Griechenland von sich reden – sogar international. Das Blatt macht sich zudem immer wieder selbst zum politischen Akteur, will aktiv die Politik beeinflussen. Die Bild ist ein Zwitter: Einerseits steht sie politisch der Großen Koalition nahe, andererseits befeuert sie noch populistische Stimmungen und Ressentiments – und wird so selbst zum populistischen Akteur.

Win-Win-Situation

Rechtspopulisten können medial die Rolle der pfiffigen Querdenker und mutigen Tabubrecher spielen. Sie sind dabei in einer komfortablen Position: Werden ihre „provokanten“ Thesen medial verbreitet, ist es ihnen nur recht. Schlägt ihnen dann in den Medien aber Widerspruch entgegen, können sich die Rechtspopulisten als mutige Tabubrecher aufspielen, die von „Mainstreammedien“ mundtot gemacht werden sollen. Die Debatte schaukelt sich auf, nimmt an Schärfe zu – sie verroht. Auf der Strecke bleiben sachliche und ausgewogene Kontroversen. Für eine demokratische Gesellschaft eine bedenkliche Entwicklung.

Es wird daher die Aufgabe der kommenden Jahre sein, Demokratie und Freiheit sowie konstruktiven Streit wieder medial stärker zu wertschätzen und mit Leben zu erfüllen. Für Medien vielleicht die schwierigste Aufgabe, die man sich vorstellen kann.

Literatur und Links: