Making the Millerntor a threat again…

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Tolle Atmosphäre, kultiges Stadion, witzige Fans – ich konnte es nicht mehr hören. Glücklicherweise sind diese demütigenden Textbausteine nach drei Heimsiegen des FC St. Pauli in Serie nur noch deutlich seltener vom Gegner zu vernehmen.

Was das Team des FC St. Pauli heute gegen RB Leipzig am Millerntor auf dem Platz gezeigt hat, war wirklich aller Ehren wert; nach dem erneuten Tiefschlag in Heidenheim ergriffen die St. Paulianer die einzige Chance, die gegen Leipzig blieb: Aggressives Pressing, das Kombinationsspiel verhindern, die RB-Profis verunsichern. Mithilfe des Publikums gelang das recht gut, auch wenn die zweite Hälfte klar an RasenBallsport ging, was die Spielanteile anging. Gleichzeitig hatte Leipzig aber nicht so unendlich viele Großchancen, während St. Pauli auch einige gute Kontermöglichkeiten liegen ließ (übrigens hätte der Schiri gerne noch einige Sekunden laufen lassen können, das 2:0 hätte uns doch noch gut zu Gesicht gestanden…).

Vorbei. Das ganze Viertel vibriert vor Erleichterung und Freude. So viele glückliche Menschen, eine Pracht. Nach dem Schlusspfiff hallt You`ll never walk alone vom Stadion durch die Straßen von St. Pauli – und alle sehnen sich dem Ende dieser Saison entgegen. Wenn es geht: einem glücklichen Ende – mit dem eigentlich vollkommen unverdienten Klassenerhalt.

Mir kommt es mittlerweile vor, als laufe diese Spielzeit bereits seit drei Jahren: Vrabec Trainer, Azzouzi Sportchef, Orth Präsident – war das erst vor einigen Monaten? Heute heißen die Verantwortlichen Lienen, Meggle und Göttlich – und die Zuversicht lebt noch – trotz der katastrophalen Hinrunde, dass der Klassenerhalt tatsächlich doch noch gelingt.

Derzeit steht St. Pauli auf Rang 15 – das erste Mal seit Monaten nicht mehr auf einem Abstiegsplatz. War das die Wende zum Guten, so wie man es bereits mehrfach in dieser Saison gehofft hatte? Oder war der Sieg gegen Leipzig nur die Rampe, damit die Fallhöhe für den Abstieg besonders hoch wird und die Enttäuschung umso derber ausfällt?

Man weiß es nicht. Der FC St. Pauli ist eine Wundertüte. Aber immerhin scheinen die Zeiten vorbei, an denen St. Pauli sich am Millerntor vorführen lässt. Ein Gegentor in den vergangenen vier Heimspielen – sonst waren es gerne mal drei bis vier in 90 Minuten. Eine gute Entwicklung. Auch Buchtmann kehrte endlich zurück; Kalla bleibt das fußballerische Enfant Terrible der 2. Bundesliga: Manchmal zum Haareraufen, aber erstens ein super Typ, zweitens immer öfter mit mitreißenden Auftritten – so wie heute erneut.

RB gegen Hoffenheim

Noch ein Wort zu RB Leipzig: Mich langweilt es, sich an diesem am Reißbrett entworfenen und hochprofessionell aufgezogenen Projekt abzuarbeiten. Künstlich gegen organisch, Plastik gegen Gefühle? Lass mal lieber. Interessanter finde ich eigentlich den Gedanken, dass die DFL gerade weitreichende strategische Fehler begeht, wenn sie solchen „Vereinen“ das Tor zur Bundesliga öffnet. Aber wenn die DFL meint, die Bundesliga gewinne durch Duelle wie Hoffenheim gegen RebBull Leipzig oder Wolfsburg gegen Ingolstadt an Attraktivität – bitte schön.

Ich halte es für geradezu idiotisch, das Erfolgsmodell der Bundesliga – das im Wesentlichen auf der 50+1 Regelung basiert – nun nach und nach und vollkommen ohne Not abzuschaffen. Aber eine ganz praktische Sache macht RB zumindest deutlich erträglicher als beispielsweise den „Traditionsverein“ Lok: Die Dosen bringen wenigstens kein braunes Pack mit, das nach dem Spiel durchs Viertel zieht und Menschen angreift, sondern ein eher sympathisches Klientel. Finde ich nicht gerade nebensächlich.

Linktipp: Rotebrauseblogger

Für Vereine wie St. Pauli dürfte es angesichts der Entwicklung in den vergangenen Jahren mittelfristig jedoch kaum noch einen Platz in der Bundesliga geben, dafür hätte es 2010/2011 den Klassenerhalt in der Bundesliga geben müssen. Auch eine Aufstockung auf 20 Vereine, die eigentlich sinnvoll wäre, wird gegen die großen Clubs nicht durchzusetzen sein. Die 2. und 3. Liga könnten aber weiter an Attraktivität gewinnen; und das Spiel FC St. Pauli gegen RB Leipzig hat heute gezeigt, wie schön der Abstiegskampf in der 2. Bundesliga sein kann.

Ob das am Ende reichen wird? Ich habe mich in dieser Saison bereits so oft geirrt, dass ich mir keine Prognose mehr zutraue – sondern einfach nur noch inständig auf ein Wunder bei den Auswärtsspielen am Betzenberg oder am Böllenfalltor hoffe. Sollte St. Pauli dazwischen noch kurz den VfL Bochum am Millerntor weghauen, leuchtet St. Pauli auch im kommenden Jahr noch in der 2. Liga – und dann heißt es für RB Leipzig noch einmal: Welcome to the hell of St. Pauli!