Vom „Armenhaus Afrika“ und der „Festung Europa“

Die Dauerkatastrophe im Mittelmeer ist nun in der großen Öffentlichkeit angekommen. Was tun gegen das Massensterben? – so lautet allerorts die Frage. Die Antworten bleiben diffus.

In Sozialen Medien ist die Initiative Sea-Watch derzeit in aller Munde. Mit einer kleinen Spende kann jeder etwas gutes tun und das Projekt unterstützen. Das Ziel: Sea-Watch will vor der libyschen Küste nach Flüchtlingsbooten Ausschau halten und gegebenenfalls Rettungsschiffe verständigen und/oder Schwimmwesten und Rettungsinseln ins Mittelmeer werfen.

Wenn auch nur ein Menschenleben dadurch gerettet wird,  ist die gesamte Aktion gerechtfertigt. Dennoch wird dadurch kein einziges Problem nachhaltig gelöst. Zum einen muss die Rettung der Flüchtlinge auf hoher See staatliche Aufgabe sein, private Initiativen wie Sea-Watch können nur eine symbolische Aktion der Menschlichkeit bleiben.  Zum anderen werden weitere Menschen den Weg über das Mittelmeer antreten, um nach Europa zu gelangen.

Woran liegt das? Die Gründe sind, so langweilig es klingen mag, vielfältig. Die Flüchtlinge kommen aus verschiedenen Teilen Afrikas und des Nahen Ostens, sie sind so unterschiedlich, wie Menschen nun einmal sind. Um die Ursachen für ihre Flucht zu verstehen, kann also nicht einfach nur von „den Flüchtlingen“ gesprochen werden, sondern es muss differenziert werden. Zehntausende Flüchtlinge sind weder eine homogene noch eine passive Gruppe. Es sind Individuen, die agieren bzw. auf Krisen reagieren.

  • Aus Syrien kommen Bürgerkriegsflüchtlinge, oft Familien. Die Nachbarstaaten rund um Syrien haben bereits Hunderttausende Menschen aufgenommen, Europa muss dringend neuen Kontingenten von Bürgerkriegsflüchtlingen Schutz bieten – und dazu eine langfristige Integration planen, da diese Menschen in den kommenden Jahren wohl kaum in ihre Heimat zurückkehren werden können.
  • Viele der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer stammen aus Eritrea – einer sich demokratisch gebenden Quasi-Diktatur, die in europäischen Medien unterhalb des Wahrnehmungsradars agiert. Die UN stellten in Berichten schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen wie willkürliche Tötungen und Verhaftungen, erzwungenes Verschwindenlassen, Folter, sowie fehlende Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit fest. Auf der jährlich erscheinenden Rangliste der Pressefreiheit  nimmt das Land 2015 wiederholt den letzten Platz ein. Amnesty International zufolge werden Regierungskritiker, Deserteure und Eritreer, die im Ausland um Asyl ersucht haben, inhaftiert; Menschen aus Eritrea können also reichlich Gründe für ein politisches Asyl vorweisen. Eine Möglichkeit, die Europa diesen Menschen selbstverständlich einräumen muss. Der Direktor des Italienischen Flüchtlingsrates, Christopher Hein, verwies allerdings darauf, dass in den vergangenen 15 Jahren Schätzungen zufolge mehr als 20.000 Menschen „auf dem Weg nach Europa“ ums Leben gekommen seien. Es gebe keine Antwort auf die Frage, wie ein Schutzbedürftiger „physisch nach Europa herein“ kommt. Die Situation sei gekennzeichnet von illegaler Wanderung, da es keine Möglichkeit der legalen Wanderung gebe.
  • Islamistische Terroristen und Warlords vertreiben Menschen unter anderem aus dem Norden Nigerias, aus Mali sowie Somalia. Dazu kommen massive Korruption, hohe Arbeitslosigkeit, fehlende Rechtsstaatlichkeit, katastrophale Gesundheitsversorgung und viele weitere Faktoren.
  • Aus ähnlichen Gründen flüchten jährlich Tausende Menschen beispielsweise aus Gambia, das als einer der ärmsten Staaten der Erde gilt: Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, 60 Prozent sind Analphabeten.

Die Fluchtursachen sind also vielfältig und können hier nur angerissen werden.

Mittelschicht auf Augenhöhe

Zudem sind die Entwicklungen längst nicht einheitlich; die Wirtschaft wuchs in Teilen Afrikas in den vergangenen Jahren, mehrere Länder gehören zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise sorgte nur für eine kurzfristige Abschwächung des Wachstums in Subsahara-Afrika, während in Europa mehrere Staaten in tiefe Krisen stürzten.

Dies legt bereits nahe, dass die Analyse, Europa habe schuld an der Misere, weil „unser“ Reichtum auf der Armut „in Afrika“ basiere, zwar populär ist, in der Wissenschaft aber höchst umstritten bleibt. Unter anderem, weil dadurch das europäische Bild vom hilflosen Afrikaner manifestiert wird. Eigenverantwortung? Woher denn!

Wer Afrika einfach als postkoloniales Gebilde abstempelt, macht es sich zu leicht, meint auch der Fachjournalist Dominic Johnson:

Afrikas Modernisierung beruht heute nicht mehr auf einer aufgeblähten, künstlichen Staatswirtschaft, sondern auf der Entstehung einer kapitalkräftigen einheimischen Mittelschicht, die in der Lage ist, auf Augenhöhe mit ausländischen Partnern und Investoren umzugehen, über den Tellerrand der nationalen Grenzen hinauszublicken und als gestaltender Akteur in der Globalisierung mitzuspielen. […] Afrikas zweite Befreiung ist im Entstehen: eine Befreiung von den Befreiern und von ihrer Fixierung auf den althergebrachten Widerpart des Kolonisatoren, eine Rückbesinnung auf Afrika selbst, seinen Erfindungsreichtum und seine gesellschaftliche Kraft.

Ökonomisches Grundproblem in vielen Staaten bleibt dennoch bis heute, dass sich die Wirtschaft zu einem gewichtigen Teil auf Landwirtschaft stützt – dazu kleinbäuerlich geprägt. Es existiert zwar eine nennenswerte Zahl großer marktwirtschaftlich orientierter Farmen in vielen Teilen Afrikas, die Kaffee, Baumwolle, Kakao oder Kautschuk anbauen; sie befinden sich aber meist im Besitz von Europäern und beschäftigen hauptsächlich Tagelöhner. Der Anbau von Feldfrüchten für den Export ist oft kritisiert worden, weil zeitgleich Millionen von Afrikanern unterernährt sind.

Die meisten afrikanischen Staaten verfügen weiterhin kaum über Industrie; Rohstoffe werden daher zur Weiterverarbeitung exportiert. Investitionen von großen Konzernen bleiben oft wegen der labilen politischen Verhältnisse, fehlender Verkehrsinfrastruktur, zuverlässiger Energieversorgung sowie ausreichend ausgebildeten Arbeitskräften aus. Ein Teufelskreis.

China – die neue Kolonialmacht?

Was aber den Postkolonialismus betrifft: Europas Rolle in Afrika wird zunehmend kleiner. China investiert auch hier kräftig – und nun heißt es, China betreibe eine Neo-Kolonialisierung. Also wieder Afrika als passives Opfer. Dominic Johnson meint zur Rolle Europas und Chinas:

die Führer Afrikas orientieren sich lieber an den Tigerstaaten Asiens. Die Löwenstaaten Afrikas sollen in deren Fußstapfen treten. China ist dabei keineswegs das einzige Modell einer erfolgreichen Industrialisierung im Schnelldurchgang, dem afrikanische Staaten nacheifern. Südkorea und Singapur als Beispiele der gelungenen Hinwendung zur Hochtechnologie locken ebenfalls, im Falle Südkoreas auch wegen der Demokratisierung nach erfolgreicher Überwindung von Massenarmut, wovon China ja bis heute weit entfernt ist. Vorbilder sind diese Länder nicht so sehr wegen der Einzelheiten ihrer wirtschaftspolitischen Entscheidungen, sondern weil sie für Unabhängigkeit stehen: Sie zeigen, dass es möglich ist, ohne Anleitung des Westens den Sprung zur Industrienation zu schaffen.

Und weiter:

Das asiatische Modell bedeutet für Afrika, sich direkt und unverblümt dem wirtschaftlichen Aufbau zu widmen, ohne sich mit Fragen der richtigen politischen Ideologie und Staatsform aufzuhalten. Für afrikanische Modernisierer sind das alles europäische Erfindungen, die nur dazu geeignet sind, die europäische Diskurshoheit zu wahren.

In Afrika selbst spielt die Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer übrigens medial keine große Rolle, wie der Tagesspiegel berichtet. Die Route über das Mittelmeer ist auch „nur“ das letzte Kapitel einer viel längeren Flucht, zuvor steuern viele Menschen beispielsweise Gao in Mali an, um zur Transitstrecke durch die Wüste in Richtung Algerien oder Libyen zu kommen.

Some 2,000km (1,240 miles) from the Mediterranean coast, Gao is the last point of relative safety before a six-day truck journey through the desert that claims an untold number of lives.

Sechs Tage sind die Menschen durch die Wüste unterwegs, wie viele dabei ums Leben kommen, ist vollkommen unbekannt. Denn wenn es Probleme gebe, setze der Fahrer die Flüchtlinge einfach aus. In der Wüste ein sicheres Todesurteil.

Eine der Hauptfluchtrouten durch Afrika. (Quelle: asylumeurope)
Eine der Hauptfluchtrouten durch Afrika. (Quelle: asylumeurope)

Für Gao in Mali hat sich das Geschäft mit der Not zu einem wichtigen ökonomischen Standbein entwickelt – wohl auch ein Grund, warum lokale Behörden wenig bis nichts dagegen tun.

Die Neue Zürcher Zeitung nimmt daher die hausgemachten Probleme Afrikas ins Visier und fragt:

Wie kaputt muss ein Land sein, dass junge Leute es massenhaft verlassen und sich auf solche Kamikaze-Missionen einlassen? Wohlgemerkt kommen viele der afrikanischen Flüchtlinge nicht aus Bürgerkriegsländern und sind auch nicht vom Hungertod bedroht. Oft gehören sie dem unteren Mittelstand an. Aber sie sind offenbar so ohne Hoffnung, dass sie lieber ihr Leben riskieren, als auszuharren. […] Hat man je eine afrikanische Regierung Alarm schlagen hören? Ist die Afrikanische Union je zu einem Sondergipfel zusammengetreten, um sich zu fragen: Was machen wir falsch? Nein. Wenn die Mächtigen in Afrika das Thema überhaupt anschneiden, dann, um Europa für seine «Abschottung» zu kritisieren.

Und weiter:

Die Schulen und Universitäten sind marod, der öffentliche Verkehr, die ärztliche Versorgung, die Verwaltung sind ein Desaster, Arbeitsplätze kriegt man nur durch Beziehungen oder Schmiergeld, verdient man endlich etwas, muss man es verteilen, auch Heiraten kann man nur mit Geld, und überall herrschen Traditionalismus, Konformismus, Sexismus, Autoritarismus, Aberglauben. Trotz beeindruckenden Wachstumszahlen vieler afrikanischer Länder haben sich die Lebensbedingungen der meisten Bewohner nicht verbessert, aber die meisten Regierungen kümmert das kaum.

Ist den Afrikanern also alles egal? So einfach ist es nun auch wieder nicht. So wie es in dem weit kleineren Europa auch recht unterschiedliche Konflikte und Perspektiven gibt, verhält es sich natürlich auch im weit größeren Afrika.

Nur zum Vergleich: Zwischen Kapstadt in Südafrika und Tripoli an der Mittelmeerküste liegen mehr als 10.000 Kilometer – eine ähnliche Entfernung wie zwischen Berlin und der russischen Pazifikküste. Afrika ist kein monolithischer Block, auch wenn die kompakte Form des Kontinents dies nahe legt.

Die Folgen des arabischen Frühlings

Die Hoffnungen des Arabischen Frühlings sind in den meisten Staaten leider verflogen, die politischen Verwerfungen in Nordafrika haben beispielsweise in Libyen ein politisches Vakuum entstehen lassen – dieses ist umgehend ausgefüllt worden: von islamistischen Warlords. Solche Prozesse sind stets zu beobachten, wenn Revolutionen stattfinden und Staaten sowie Herrschaft zerfallen. Die Warlords verdienen durch den Krieg, nicht durch den Frieden; die Krisen und Flüchtlingsströme bringen Geld in ihre Kassen, weil sie als Schleuser und Menschenhändler die Flüchtlinge abkassieren. Ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgt der IS in Syrien und dem Irak: Entführungen mit Lösegeldforderungen, Handel mit Raubgut, Verkauf von Rohstoffen – der Begriff „Cash from Chaos“ dürfte nie passender gewesen sein.

„Es gibt keine handlungsfähige Regierung in Libyen, die den Menschenhandel eindämmen kann oder noch ein Minimum an Kontrolle über die Grenzen hat“, sagte Issandr al-Amrani vom Institut International Crisis Group der Nachrichtenagentur AFP. Ohne das Eingreifen von Polizei oder Armee sei es für Menschenhändler deutlich leichter geworden, unbehelligt ihrem Geschäft nachzugehen.

Die Einwanderer seien in den Augen der Menschenhändler nur eine „Ware“, sagt der geopolitische Experte für den Nahen Osten, Karim Bitar. Sie seien „Geiseln im Kampf zwischen den Milizen und zahlen für das Sicherheitsvakuum einen hohen Preis“.

Das Paktieren des Westens mit menschenverachtenden Diktatoren war sicherlich auch reiner wirtschaftlicher Eigennutz und zudem moralisch höchst verwerflich – dass Herrschaft aber auch stabilisiert und die Alternativen noch weit schlimmer sein können, belegen die vergangenen Jahre eindrucksvoll. Eine bittere Erkenntnis.

Perspektive von Kolonialherren?

Wer Afrika dennoch weiterhin nur als passives Opfer von Europa sieht, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, zumindest gedanklich die Perspektive der ehemaligen Kolonialherren zu übernehmen. Dominic Johnson merkte dazu an:

Europas Kolonialmächte wähnten sich nun den Afrikanern in jeder Hinsicht uneinholbar voraus. Sie sahen Afrika als nach Gutdünken neu zu ordnende Wildnis an und die Bewohner als zu erziehende Wilde. Sie sprachen den Afrikanern nicht nur eine erreichte Entwicklung ab, sondern überhaupt jegliche Entwicklungsfähigkeit. Impulse zur Veränderung konnten aus ihrer Sicht nur von außen kommen. Afrika war in europäischen Augen Sinnbild reiner Stagnation.

Ende 2014 wurde übrigens Jan Böhmermann abgefeiert, als er Campino und Mitstreiter wegen der Charity-Band Aid 30, mit der Geld für den Kampf gegen Ebola gesammelt werden sollte, abgefertigt hat. Den Band Aid-Projekten wurde vorgeworfen, einen unreflektierten Blick auf den afrikanischen Kontinent zu generieren und die Menschen dort in eine reine Opferrolle zu drängen.

Ich verstehe die Kritik an solchen Projekten – aber ganz nachvollziehen kann ich sie in ihrer Vehemenz nicht, weil mir jedes gerettete Menschenleben wichtiger erscheint als die Befürchtung, eine unreflektierte Perspektive einzunehmen. Vielleicht ist diese Einschätzung falsch, zu kurz gedacht oder ebenfalls schlicht naiv.

Aber diejenigen, die sich damals so über den Campino-Diss gefreut haben, sollten nun ehrlicherweise einräumen: So weit entfernt von symbolischen Hilfsaktionen, die vor allem das eigene Gewissen beruhigen, sind eine Gedenkminute bei Jauch und Spendenaufrufe bei Facebook teilen, damit ein paar Leute mit dem eigenen Boot ins Mittelmeer fahren und möglicherweise Schwimmwesten über Bord werfen, auch leider nicht.

Weitere Informationen:

Liste von gescheiterten Staaten

Fluchtrouten in Afrika

I-map migration

6 Kommentare zu „Vom „Armenhaus Afrika“ und der „Festung Europa“

  1. Super zusammengefasst, aber dann der letzte Absatz.:(
    Ich versteh das anders. Böhmermann versteht sich ja als Kulturkritiker, Und der Diss zu Campino bezog sich hauptsächlich aufs Geldverdienen mit dem Leid anderer. (Nur Künstler mit Promotionbedürfnis dabei)
    Und ja, wir sind offensichtlich alle in ziemlicher Hilflosigkeit erstarrt. Das zu benennen macht auch Sinn. Das aber in nen Diss zu verpacken? Nen Artikel schreiben, der alles nochmal gut zusammenfasst ändert ja auch nix an der Misere. Is aber wichtig und deswegen wirste dafür auch nicht gedisst. Die einzige Möglichkeit scheint mir, die Öffentlichkeit zu bearbeiten. Meinung machen, indem sie dargestellt wird.

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    1. Lieber Kunstbanause,

      der Vorwurf, dass sich die beteiligten Künstler nur ins Gespräch bringen wollten, war nur ein Punkt bei Böhmermann. Dabei kann man diesen Vorwurf auch leicht in ein Argument pro Band Aid 30 umdrehen, wenn man will: Gerade weil die Künstler bekannt und/oder gerade auf Tour sind, also medial stattfinden, ergibt ihr Engagement Sinn. Wären sie seit zwei Jahren nicht mehr auf Tour gewesen oder hätten keine Scheibe rausgebracht, hieße es wahrscheinlich, da will sich jemand wohl mal wieder in Erinnerung bringen…

      Böhmermann warf Campino anschließend vor, er habe doch einen reichen Bruder, der Millionen Euro bei der Bankenpleite verdient habe. Außerdem habe Liefers Werbung für Schoki und Cro für McDonalds gemacht. Weiterhin sei das Projekt nicht transparent, so Böhmermann.

      Ich finde, das sind allesamt ziemlich schwache Argumente. Bei Liefers ist die Beweiskette beispielsweise: Macht Werbung für Schokolade – Schokokonzerne beuten Afrika aus – Armut schuld an Ebola = Liefers trägt Mitschuld an dem Leid. Der größte Produzent von Schokolade weltweit ist die Elfenbeinküste, dort wütete Ebola aber gar nicht. Bliebe der Vorwurf, Leute, die Geld haben, sollen erst einmal selbst geben, bevor sie den Mund aufmachen: Dann könnten wir aber alle schön die Klappe halten.

      Stichhaltig ist meiner Ansicht nach die Kritik daran, dass weiße Europäer am besten wüssten, was gut für Afrika sei – und dass Afrikaner nur als Opfer präsentiert wurden. Das machte aber etwa drei Sätze bei Böhmermann aus. Der Rest war: Das Projekt ist scheiße, weil es verlogen und Campino dumm sei – und es sowieso nichts bringe.

      Wie geschrieben: Ich finde Sea-Watch überhaupt nicht schlecht und verwerflich, man sollte aber nur so ehrlich sein und zugeben, dass das Projekt nicht so weit von anderen eher hilflosen Hilfsaktionen weg ist. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Spenden für erfahrene und große NGOs, wie ProAsyl, mehr bringen, als Geld für die Restauration eines 100 Jahre alten Schiffes in Deutschland zu geben.

      Und: Würde Sea-Watch denn auch verlogener Mist, wenn plötzlich prominente ihre Unterstützung erklärten?

      „Die einzige Möglichkeit scheint mir, die Öffentlichkeit zu bearbeiten. Meinung machen, indem sie dargestellt wird.“

      Word.

      Viele Grüße,
      Patrick

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  2. die neue völkerwanderung: der ansturm der armen

    europa könnte sofort ausreichend viele fähren übers mittelmeer zu den flüchtlingen senden und diese gefahrlos in einzurichtende flüchtlingslager in verschiedenen eu-ländern bringen (die flüchtlinge wollen für die überfahrt sogar bezahlen). kein flüchtling müsste mehr ertrinken und europa könnte den flüchtlingsstrom kontrollieren. das geschäft der schleuserbanden wäre sofort zu ende.

    die europäischen regierungen, zusammen mit den usa (ttip), vertreten nicht mehr ihre bürger, sondern nur noch die interessen von banken und fast 150 global agierenden konzernen. das angestrebte “wirtschaftswachstum” hat, seit wir die ehemalige soziale marktwirtschaft (wohlstand für alle) verlassen haben, nichts mehr positives. “wachstum” bedeutet heute wachstum der armut und wachstum der hungernden menschen auf unserem globus. diese politik mit unserem gegenwärtigen system sorgt weltweit für aufstände der unterdrückten, bürgerkriege, armut und hungersnot. wir gierigen konsumenten sind aber ebenso die täter, mit unserem konsumverhalten lassen wir all dies zu. https://campogeno.wordpress.com/2015/04/22/ansturm-der-armen/

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  3. Hätten Sie weiterführende Links und Literatur zum Abschnitt:

    ,,Dies legt bereits nahe, dass die Analyse, Europa habe schuld an der Misere, weil “unser” Reichtum auf der Armut “in Afrika” basiere, zwar populär ist, in der Wissenschaft aber höchst umstritten bleibt. Unter anderem, weil dadurch das europäische Bild vom hilflosen Afrikaner manifestiert wird. Eigenverantwortung? Woher denn!“

    Vielen Dank,
    Hannes

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    1. Lieber Hannes,

      hier einige Links zum Weiterlesen:

      Zum Postkolonialismus und Kritik daran:

      http://www.bpb.de/apuz/146983/ambivalenzen-der-modernisierung-durch-kolonialismus
      http://www.studymode.com/essays/Positive-Effects-Of-Colonialism-685144.html

      Zur Entwicklung der afrikanischen Tigerstaaten:
      http://www.giga-hamburg.de/de/system/files/publications/gf_afrika_0706.pdf

      Zu den Chancen und Problemen der afrikanischen Wirtschaft
      http://www.tagesspiegel.de/politik/afrika-und-die-wirtschaft-laengst-nicht-mehr-der-verlorene-kontinent/9655888.html

      sowie Europas Rolle:
      https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/tigerstaaten-auf-der-spur

      Die Loslösung von der postkolonialen Vergangenheit:
      https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2011/april/das-neue-afrika

      daraus:

      Eine gängige Kritik gerade „linker“ westlicher Globalisierungskritiker ist, dass afrikanische Länder hoffnungslos am Tropf der mächtigen internationalen Geldgeber hängen, die arme Entwicklungsländer im Würgegriff ihres Neoliberalismus halten und mit gnadenlosen Strukturanpassungsprogrammen die Öffnung für den Weltmarkt auf Kosten der lokalen Bevölkerung erzwingen, um mit den daraus erwirtschafteten Einnahmen die fällige Bedienung der Auslandsschuldenlast zu gewährleisten. Ein komplettes Weltbild basiert auf diesen Annahmen. Es schlussfolgert, dass afrikanische Regierungen durch ihre Abhängigkeit von den Finanzinstitutionen gezwungen sind, eine Politik gegen die Interessen ihrer eigenen Bevölkerungen durchzuführen; dass Demokratie in Afrika also bedeutet, sich von den Forderungen der Geldgeber zu lösen, und dass die Mächtigen der Welt nicht davor zurückschrecken werden, in rohstoffreichen Ländern Marionettenstaaten zu installieren oder fortschrittliche Kräfte zu bekämpfen, um ihre Interessen und damit die des internationalen Finanzkapitals zu wahren und gegen die der afrikanischen Völker zu verteidigen.
      In den 1980er Jahren, als zahlreiche Länder ihre postkolonialen Sozialprogramme zugunsten des Schuldendienstes einstellen und ihre Volkswirtschaften ausländischem Kapital und Dumpingimporten öffnen mussten, mag ein Körnchen Wahrheit in diesem Weltbild gesteckt haben. Aber mehr als ein Körnchen war es nie. Heute wissen wir: Die Zeit der Strukturanpassung war nur eine Übergangszeit. Die HIPC-Armutsbekämpfungsprogramme der in den USA angesiedelten internationalen Finanzinstitutionen für besonders arme Länder, für deren Umsetzung es als Belohnung Schuldenerlasse gibt, wirken heute wie Relikte einer vergangenen Ära, als Afrika noch wie ein Kind behandelt wurde. Kleinprojekte der europäischen Entwicklungshilfe, erhobene Zeigefinger zur Bewahrung der Umwelt, zur Respektierung von Frauenrechten, zum Schutz von Verfassungen, all diese Dinge werden von afrikanischen Politikern heute gnadenlos belächelt, wenngleich sie gezwungenermaßen weiter umgesetzt werden, weil die mächtigen Gebernationen es so wollen, solange man von diesen finanziell abhängig ist.
      Aber die Führer Afrikas orientieren sich lieber an den Tigerstaaten Asiens. Die Löwenstaaten Afrikas sollen in deren Fußstapfen treten.

      Viele Grüße
      Patrick Gensing

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