#Aufschrei in Norwegen: Jeg har opplevd

Unter dem Hashtag „Jeg har opplevd“ twittern Frauen in Norwegen derzeit ihre Erlebnisse mit Sexismus. Das Magazin „Fett“ rief Leserinnen auf, Erfahrungen zu schildern, um das Problem sichtbar zu machen. Auslöser war eine „Porno-Parodie“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

„Ich habe erlebt, dass eine Schulfreundin im Schlaf vergewaltigt wurde – und dass sich Jungs aus dem Bekanntenkreis noch Jahre später darüber lustig gemacht haben.“ – „Ich habe erlebt, dass ich Angst um mein Leben hatte, als ich nachts durch meine Heimatstadt nach Hause ging. Es ist meine größte Angst, vergewaltigt zu werden.“ – „Ich habe erlebt, wie mir als 16-Jährige bei einem Job im Hotel ein Kollege mir an den Po gefasst hat.“ Diese und viele weitere Erlebnisse mit Sexismus schildern Frauen auf der Seite des Magazins „Fett“.

Hintergrund der Aktion war Kritik an pornographischen Inhalten, die im öffentlich-rechtlichen Sender NRK gezeigt worden waren. Die Satire-Sendung „Trygdekontoret“ radikalisierte diese Diskussion, indem man einen Sketch zeigte, in dem der Anchor-Man der Sendung, Thomas Seltzer, scheinbar Sex mit Kari Jaquesson hat. Jaquesson ist in Norwegen als „Fitnesskönigin“ bekannt – und hatte die vorherigen Porno-Inhalte bei NRK kritisiert.

"Sag etwas zu mir, das politisch nicht korrekt ist" - Screenshot von der Porno-Parodie auf NRK.
„Sag mir etwas, das politisch nicht korrekt ist“ – Screenshot von der Porno-Parodie auf NRK.

Dafür wurde sie in der Sendung Trygdekontoret „parodiert“: Zwei amerikanische Porno-Darsteller hatten die Szene nachgestellt, NRK hatte die Produktion in den USA in Auftrag gegeben. In dem „Sketch“ stöhnte die weibliche Darstellerin unter anderem: „Oh, Thomas, sprich dreckig mit mir!“

Die Bloggerin Kari Kristensen aus Trondheim schrieb dazu, der Sketch setze auf den ältesten Trick gegen Frauen, die sich politisch äußern: Sie werden schikaniert und herabgesetzt. Das führe dazu, dass Frauen sich nicht mehr trauten, sich öffentlich zu äußern,

 Der kritisierte NRK-Journalist Seltzer verteidigte den Porno-Sketch mit der Begründung,

Jaquesson trete als „Fitness-Königin“ selbst sexualisiert sowie leicht bekleidet in der Öffentlichkeit auf – und vertrete dazu starke Meinungen.

Eine Begründung, die die Analyse der Bloggerin Kari Kristensen offenkundig rundum bestätigt. Auch beim NRK überzeugte Seltzers Ausführung kaum. Seltzer sei zwar der Badboy, der Konventionen herausfordere, sagte Programmchef Are Sende Osen, doch das Argument von Seltzer sei nicht gerade das beste, das er bislang gehört habe.

Kirsri Berstö, die für die sozialistische Linkspartei SV im norwegischen Storting sitzt, kommentierte Selzers Ausführungen deutlicher: Man müsse nur die Rollen von Seltzer und Jaquesson austauschen. Doch das würde zum einen nie passieren, zum anderen würde der Effekt auch gar nicht funktionieren. Berstö betonte zudem, dass dies nicht die erste sexistische Darstellung in einem NRK-Programm sei. Ein Radio-Programmchef hatte eine weibliche Bloggerin als „knulledukke“ bezeichnet – im Deutschen bedeutet das in etwa „Bumspuppe“.

In der großen norwegischen Zeitung Aftenposten schrieb die Studentin Cathrin Svanevik Föyen einen Debattenbeitrag – „eine Art Antwort auf Thomas Seltzer“. Svanevik erzählte in ihrem Artikel von der Angst, im Dunkeln allein nach Hause zu gehen. Von Belästigungen per SMS. Von Übergriffen. Und sie stellte die Frage: „Ist es wirklich ein „NRK-Schwanz“, den wir jetzt brauchen?“ Nein, meint sie, es gebe Wichtigeres aufzuarbeiten.

Und das tun nun viele Frauen in Norwegen: Hunderte Tweets laufen unter #jegharopplevd ein. Frauen beschuldigen beispielsweise die Polizei, sexuelle Übergriffe nicht ernst genommen – oder solche Vorfälle mit dem Satz „Du hast wohl zu viel geflirtet“ kommentiert zu haben.

 Positiv: Auch mehrere Männer bedanken sich via Twitter für den Mut und die Offenheit der Frauen, über den Sexismus zu berichten. Andere tun das, was in deutschsprachigen Netzwerken – und auch anderswo – bei solchen Anlässen stets geschieht: Sie versuchen, die Glaubwürdigkeit von Darstellungen zu beschädigen oder greifen Frauen auf verbaler Ebene persönlich an.

„Ein Tritt in den Hintern“

Allerdings erscheint mir die Debatte in Norwegen deutlich weniger verroht zu sein. Mehr Männer weisen nicht reflexartig sämtliche Darstellungen zurück, sondern hinterfragen die eigene Rolle. In der Bergens Tidende, einer liberal-bürgerlichen Zeitung aus Norwegens zweitgrößter Stadt Bergen, schrieb Mathias Fischer beispielsweise, die unerträglichsten Tweets zum Hashtah „Jeg har opplevd“ seien nicht die, in denen Frauen ihre Konfrontationen mit Sexismus beschrieben hätten – sondern die schlimmsten Tweets kämen von Männern, die das Problem bagatellisieren wollten.

Er selbst habe nie das erfahren müssen, worüber „diese mutigen Frauen schreiben“, so Fischer weiter. Und der einzige Grund sei, dass er ein Mann sei. Die Berichte unter dem Hashtag „Jeg har opplevd“ seien ein Tritt in den Hintern von allen Männern, die immer noch nicht begreifen wollten, dass Frauen in einer ganz anderen Welt leben müssten. Die Botschaft an die Männer in Norwegen laute daher: Verstehe! Und übernimm Verantwortung!

Patriarchat in Aktion

Sie mache sich Sorgen über die Machtlosigkeit, schrieb Cathrin Svanevik Föyen in der Aftenposten, wenn sie und andere Frauen davon berichteten, dass eine andere Wirklichkeit existiere – und Männer einfach nicht zuhören wollten.

Wobei „nicht zuhören“ noch fast die harmloseste Variante ist: Nach dem #Aufschrei in Deutschland wurden Frauen, die sich daran beteiligt hatten, mit übelsten Beschimpfungen und konkreten Drohungen überzogen: Das Patriarchat in Aktion.

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