Die Hölle von Jarmouk

Vor einigen Tagen sind die Berichte über das palästinensische Flüchtlingsviertel Jarmouk in Syrien um die Welt gegangen. Mindestens 16.000 Menschen seien dort eingeschlossen, den faschistischen Schlächtern des „Islamischen Staats“ ausgeliefert. Die Berichte über unfassbare Gräueltaten sorgten für Empörung, doch was folgt daraus?

Der Krieg in Syrien wird zur Kapitulation vor dem Terror. US-Präsident Obama hat sich bereits seit Längerem zwischen seinen roten Linien verirrt – und könnte einmal mehr von Russlands Präsidenten Putin vor der Weltöffentlichkeit düpiert werden, nämlich dann, wenn man einräumen muss, dass man nun doch vielleicht wieder Syriens Präsident Assad unterstützen muss – trotz des Giftgaseinsatzes, aber wegen der Gefahren durch den IS.

Die Welt staunt indes weiterhin über den Islamischen Staat; eine internationale Bewegung, die das Morden zelebriert und Kriegsverbrechen nicht versucht zu verheimlichen, sondern noch als Propaganda verherrlicht und verbreitet. Sie lieben den Tod. Und nur derjenige ist zu solchen Verbrechen fähig, der seinen Gegnern sowie Opfern längst den Status Mensch aberkannt hat – und sich selbst als Teil eines größeres Plans begreift.

Allepow

Nach jüngsten Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerk sind mehr als vier Millionen Syrer im Ausland auf der Flucht, die meisten konnten sich vorerst im Libanon, in der Türkei und Jordanien in Sicherheit bringen. Was diese Menschen hinter sich haben, übersteigt meine Vorstellungskraft. Leider leuchtet ihre Zukunft nicht in viel helleren Farben: Die Rückkehr nach Syrien erscheint vorerst ausgeschlossen, der Weg nach Europa bleibt versperrt. Die EU schaut zu, wie jährlich zigtausende Menschen vor ihren Küsten ertrinken: junge Männer, Frauen und Kinder. Die, die es nach Europa schaffen, werden oft entrechtet, eingesperrt, abgeschoben.

Auch Europa kann nicht auf einen Schlag vier Millionen Menschen aufnehmen – aber Europa muss einen ernsthaften Plan entwickeln, wie man möglichst vielen Vertriebenen helfen kann. Das könnte übrigens als Nebeneffekt auch ein Mittel sein, die Identitätskrise der EU zu behandeln: Statt nur ein preußischer Sparverein könnte die Union wieder zu einer politischen Idee zurückfinden – sowie zum Vorbild in Sachen Menschenrechte und Hilfe für Schwache werden. Warum sollte es keine syrische Stadt in den Weiten von Mecklenburg-Vorpommern geben – beispielsweise mit dem hübschen Namen Allepow?

Absurd? Absurd und grotesk ist es, dem Morden und Sterben vor Europas Haustür einfach weiter zuzuschauen und moralische Sonntagsreden zu halten. Oder sich über die Kosten für die Unterbringung der wenigen Menschen, die es überhaupt in die Bundesrepublik schaffen, zu streiten. Rechtsradikale Bürgerwehren sorgen dann in manchen Regionen noch dafür, dass diesen geschundenen Menschen das Leben hier auch noch zur Hölle gemacht wird.

Zwischen Gaza und Jarmouk

Leider fehlt auch der öffentliche Druck auf die Politik, das Massensterben in Syrien zumindest einzudämmen. Während des Gaza-Krieges strömten in Europa zehntausende Friedensfreunde auf die Straßen. Da ging es aber auch gegen Israel – die Palästinenser in Jarmuk sind aber ein Opfer des IS. Bradley Burston appellierte daher in der linksliberalen Haaretz:

If, as progressives, we truly care about injustices done to Palestinians, if our goal as leftists goes beyond expressing fury toward Israel, we must raise our voices every bit as forcefully, right now, to try to help the people of Yarmouk.

Medi Hassan schrieb im Guardian dazu:

Now is the time for those of us who claim to care about the Palestinian people, and their struggle for dignity, justice and nationhood, to make our voices heard.

Christian Schiffer kommentierte beim BR, Yarmouk stehe

für den moralischen Bankrott der Palästina-Solidarität und für ihre Verlogenheit. “Solidarität ist eine Waffe” lautet ein bekannter Slogan der deutschen Linken. ” – aber nur, wenn es gegen Israel geht” müsste man wohl nach dem Drama von Yarmouk ergänzen.

Diese Feststellung ist zutreffend und leider nicht neu.

Allerdings nützt es auch wenig, das Unglück der Menschen in Syrien nun zu instrumentalisieren, um die eigene Kritik an dem obsessiven Israel-Fimmel vieler Linker zu unterfüttern. Frei von Doppelmoral sind beide Seiten nicht: Als Israels Ministerpräsident Netanjahu im Wahlkampf beispielsweise offen auf die rassistische Karte setzte, schwiegen pro-israelische Publizisten in Deutschland. Über Hybris in Sachen Moral und politischer Analyse verfügen wir also allesamt reichlich. Wie es in Syrien weiter gehen kann, weiß hingegen aber wohl niemand.

Konsequenzen aus der Empörung?

Christopher Gunness, Sprecher des UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge, sagte der Deutschen Welle zu der Berichterstattung über Jarmouk, die Frage sei, ob die derzeitige weltweite Aufmerksamkeit auch politische Folgen haben werde:

The question is can this world attention be translated into political action. Because we have long said that the time for humanitarian action alone has long passed, and what we need is the world powers – the big players – to bring the necessary pressures to bear on the parties on the ground, who bring sense.

Von alten neuen Kriegen

Der Begriff der Neuen Kriege wird seit Jahren diskutiert – und die aktuellen Konflikte sprechen dafür, dass die These von neuen Formen der Auseinandersetzungen zutreffend ist: Nicht-staatliche Akteure kämpfen gegen Reste von staatlichen Truppen oder schlicht gegen die Zivilbevölkerung – oft sind mehrere Parteien beteiligt.

Syrien und der Irak sind de facto bereits zerfallen, genauso der Jemen sowie mehrere Staaten in Afrika, beispielsweise Somalia. Übrig bleiben unüberschaubare Gebiete, die von Warlords, Terroristen oder Söldnern kontrolliert werden – und in denen internationale Konventionen gegenstands- und wertlos sind. Der Willkür und dem Recht des Stärkeren sind hier alle Tore weit geöffnet – ein Staat, der zumindest theoretisch Minderheiten schützen könnte, existiert längst nicht mehr.

Der eigene moralische Kompass hilft bei diesen Konflikten nicht weiter. Selbst die Forderung nach einem Exportstopp von Waffen löst die Probleme nicht – denn zum einen sind mehr als ausreichend Waffen vorhanden, zum anderen werden diese Kriege unter anderem mit Macheten und sexualisierter Gewalt geführt.

Europa hat bereits im Kosovo und nun in der Ukraine bewiesen, dass es keine Idee hat, wie solche Konflikte befriedet oder noch besser: vermieden werden könnten. Auch beim Völkermord in Ruanda war die Welt zwar empört und schockiert, konnte aber letztendlich nur mit den Schultern zucken. Nun schaut die Welt nach Jarmouk, Konsequenzen sind keine in Sicht. Was bleibt, ist Ratlosigkeit.