#FCSPF95: Choi! Choi! Choi!

Nicht nur der Hit „Oi! Oi! Oi!“ der Cockney Rejects, auch pathetische Songs wie „Hurra, wir leben noch“ schossen mir durch den Kopf, als ich am Abend das Millerntor verließ – nach einem denkwürdigen Spiel. Choi, Choi, Waldemar Sobota und nach dem Seitenwechsel Daniel Buballa schossen für den FC St. Pauli den enorm wichtigen 4:0-Heimsieg gegen Fortuna Düsseldorf heraus.

„Samba gegen Mettmann“ – gekonnt fasste ein Kommentator im St. Pauli-Forum das Spiel zusammen. War die Fortuna so schwach oder St. Pauli so stark? Die wenig originelle Antwort: beides. Dazu passte endlich einmal alles zusammen: ein Trainer, der wohl einsehen musste, dass seine bisherige Offensivaufstellung nicht wirklich Torgefahr entwickeln kann, ein Schiedsrichter, der nicht erst nach dem sechsten brutalen Foul die gelbe Karte zückt – und ein Nachwuchsstürmer aus Südkorea, der erst seit dem vergangenen Sommer zum Profikader des FC St. Pauli gehört und bislang 22 Spiele für die Regionalliga-Mannschaft bestritt und dabei fünf Tore erzielte. Mitte März feierte er seinen 20. Geburtstag – und nun feiern ihn die dankbaren Massen am Millerntor: Kyoung-Rok Choi, die Nummer 37 – sollte man sich merken.

Nicht nur der Name des Helds in Braun-Weiß birgt vermeintliches Potential für gelungene und weniger gelungene Wortwitze, auch sein Spiel legt den Schluss nahe, dass hier ein Riesentalent bei St. Pauli kickt. Was heißt hier kickt? Er hat gemeinsam mit Koch, Sobota, Buballa, Daube und weiteren die Abwehr der Fortuna schwindelig gespielt. Ein weißes Ballett – „mit einer Abwehr aus Granit – so wie einst Real Madrid“ sangen ältere Herren auf der Gegengeraden. Auch Verhoek zeigte spielerische Qualitäten, die er in den vergangenen 1,5 Jahren zumeist gekonnt versteckt hatte. Ich habe wirklich mehrmals hingeschaut, um ganz sicher zu sein: Ja, der Spieler mit der Nummer 12, das ist tatsächlich John Verhoek, der sonst gerne fällt oder sich an Gegenspielern abarbeitet.

Und so hat sich dieser wunderschöne Ostermontag des Jahres 2015 tief in die Gehirne der St. Pauli-Gemeinde eingebrannt – durch den für Hamburg geradezu stechenden Sonnenschein, durch das pralle Leben, das rund um das Millerntor tobte, durch die schönen Lampedusa-Solidaritäts-Klamotten, die vor der Gegengerade reichlich Absatz fanden – und durch Kyoung-Rok Choi, dem neuen Hoffnungsträger im Kampf gegen den Abstieg.

St. Pauli hat nach dem 4:0 den letzten Tabellenplatz verlassen, springt auf Platz 16. Am Freitag geht es zum KSC mit Ex-St. Pauli-Spieler Rouwen Hennings, der in dieser Saison bereits elf Treffer geschossen hat. Der Tabellenfünfzehnte 1860 München muss bei Eintracht Braunschweig antreten, Aue spielt gegen Sandhausen, Aalen bei Union Berlin, Fürth beim FSV Frankfurt. Nicht zwingend der Spieltag, an dem man mit einem weiteren Befreiungsschlag rechnen muss.

 Klischee galore

Außer, Choi37 legt gleich nach. Und wie aus den stets exzellent informierten St. Pauli-Kreisen zu hören ist, hat der Frontmann einer legendären Punkband diesen möglicherweise entscheidenden Personalwechsel eingeleitet: Der Sänger hatte nämlich demnach St. Pauli-Coach Ewald Lienen eindringlich klar gemacht, dass Choi nun endlich ins Team müsse – auch wenn sein Name, wie ich bei Kollege Thorsten F. lernen durfte, Tschuäh ausgesprochen werde – und Oi auf koreanisch Gurke heiße.

Wie auch immer: Bei St. Pauli sorgt auf jeden Fall nicht nur ein ehemaliger Punk für die reibungslose Organisation sowie ein Ex-Fanzinemacher als Präsident für den Plan B – nein, Aufstellung und Taktik werden offenbar mit Hilfe von Lütt un Lütt im Jolly am Tresen ausbaldowert. Ein unschlagbares Konzept, um einfach mal die Klasse zu halten. Walk on!

Mehr zum Spiel: