Leistungsfördernder Unsinn

Steile These in der FAZ: Der FC St. Pauli sei derzeit sportlich so erfolglos, weil die Fans auch in der 3. Liga kommen würden: „Die Liebe zum Klub gilt unabhängig von der Klasse. So entsteht im Stadion und im Umfeld keine leistungsfördernde Mentalität.“ Sind die Jubelperser vom Millerntor also mitschuldig am drohenden Desaster?

Ich gebe offen zu: Mir sind schon ähnliche Gedanken durch den Kopf geschossen, mehr als einmal dachte ich, vielleicht müsste man die Mannschaft nach einer Heimklatsche gegen Heidenheim oder Aalen einfach mal rigoros auspfeifen. Es blieb beim Gedanken – weil ich schnell wusste, dass es Unsinn ist – und auch, weil ich Pfeife gar nicht auf zwei Fingern pfeifen kann.

Dafür kann ich prima virtuell pfeifen, wenn mir die FAZ einen Artikel als Hintergrundbericht zum FC St. Pauli unterjubeln will, darin aber behauptet, ausgerechnet für Gerald Asamoah sei das Gastspiel in Braun-Weiß mehr als eine Durchgangsstation gewesen. Ist der Asamoah gemeint, der sich zwar fußballerisch durch eine Vorlage und ein Tor gegen die Rauten (16/02/11) unsterblich gemacht hat, aber noch ein Jahr nach seinem Abschied vom Millerntor nachgetreten hat?

Erfolgsmodell HSV?

Übrigens schreibt FAZ-Autor Frank Heike sonst zumeist über den HSV. Vielleicht sollte er seine These, der etwas gelassenere Umgang des St. Pauli-Anhangs mit sportlich eher mageren Jahren sei Teil des Problems, noch einmal anhand der Entwicklung und des Umfelds beim einstigen Hamburger Vorzeigeclub durchdenken. Man könnte ebenfalls daran denken, dass der große HSV-Rivale aus Bremen bislang den Abstieg wohl auch deshalb verhindern konnte,  weil sich die Werder-Fans irgendwann schlicht bedingungslos hinter die Mannschaft gestellt haben – und sie selbst nach der 0:7-Klatsche gegen die Bayern nicht teeren und federn wollte, sondern immer wieder aufgebaut hat.

Beim HSV übrigens mittlerweile undenkbar: Die Stimmung soll komplett im Eimer sein, wie ich von Heim- wie Gästefans unabhängig voneinander hörte (selbst kann ich es nicht beurteilen, seit dem Derbysieg 2011 war ich nicht mehr in der Arena; es ist mir schlicht zu teuer). Viele HSV-Ultras wollten ihr Herz keiner AG schenken, bei der sie nichts mitzureden haben. Sie bauen jetzt den HFC Falke auf, wofür ich ihnen viel Geduld, Kraft und Erfolg wünsche.

Besuch aus dem Mutterland

Auch wenn Ingolstadt gegen Hoffenheim fußballerisch sicherlich eine interessante Bundesliga-Partie werden könnte, glaube ich kaum, dass man dafür noch das Sofa verlassen muss, denn das „Erlebnis Arena“ finden viele Menschen mittlerweile weniger interessant. Dann lieber gleich Hansaland – oder gemütlich mit Kind & Kegel zum Oberliga- oder Jugendfußball.

Und warum im Fußball eben auch nicht nur der Erfolg zählt – außer man hat beispielsweise einen Getränkekonzern als Geldgeber, der schnell Resultate sehen will – das erklärt niemand besser als ein sympathische Kerl aus England (siehe Video), der Hamburg besucht hat, um sich das Treiben einmal selbst anzuschauen. Zu welchem Verein er ging? Kleiner Tipp: USP heißt nicht nur, aber auch „unique selling point„.

Also, keine „leistungsfördernde Mentalität“ bei St. Pauli? Für den HSV hat`s auf jeden Fall noch gereicht, sogar mit „Ultra-Torwart“ Bene im Kasten – und das nächste Derby könnte schon bald in der 2. Liga steigen. Genau wegen solcher Sachen weiß ich auch noch immer, warum ich hier stehe.