Moralische Medienschelte

Viel zu viel, viel zu aufdringlich, viel zu oberflächlich – im Netz haben verschiedene Journalisten die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich angeprangert. So eine Kritik ist schnell formuliert, findet oft Zustimmung – und lässt den Absender als kritischen Geist erscheinen.

Es gibt kaum Beiträge, die leichter zu recherchieren und schneller zu schreiben sind, als Artikel zur aktuellen Berichterstattung: Glotze oder Radio an – dabei noch ein Blick auf die Schlagzeilen der großen Blätter, Meinung bestätigen lassen – und los geht es. Heute Morgen eröffnete taz-Chefredakteurin Ines Pohl diese Medienkritik zum Germanwings-Absturz:

Deutschland möchte also auch ganz dringend eine Katastrophe für sich? Was soll das bedeuten? Die Lust, auch mal Opfer zu sein? Pohl erklärte etwas später auf Twitter: “Ich will nicht die Trauerenden kritisieren, die Endlosschleifen der Sondersendungen ohne Erkenntniswert berühren mich unangenehm.”

Allerdings sei hier die Frage gestattet, warum einerseits beklagt wird – auch von anderen Kollegen außer Pohl, es werde viel zu viel Wirbel um den Absturz gemacht, andererseits muss man aber selbst noch einen drauf setzen und sich unbedingt auch noch dazu äußern? Wäre es nicht konsequenter, dann einfach zu schweigen? Oder zumindest etwas differenzierter zu formulieren, als es in einem Twitter- oder Facebook-Posting möglich ist? So soll ernsthaft Oberflächlichkeit in Medien thematisiert werden?

Aasgeier, die für Leichenteile zahlen

Komplett im Ton vergreift sich Hermann Gremliza in der konkret: In einer bewusst rohen Sprache schreibt er unter anderem von Todesopfern im Straßenverkehr, die “eingelocht” würden ohne Sondersendungen. Und es geht noch tiefer: Bei solchen Todesopfern gebe es “nichts zu fressen für die Aasgeier, Reporter und Redakteure genannt, die an den Tresen provenzalischer Gasthöfe in ihrem zehnten bis zwanzigsten Pastis nach den Leichenteilen scharren, die geschwätzige Polizisten ihnen für ein kleines Handgeld überlassen”.

Übrigens erklärt Gremliza mit seinem Hinweis auf die alltäglichen Opfer im Straßenverkehr schon selbst, weshalb es für den Absturz eines deutschen Fliegers mehr Aufmerksamkeit gibt: Dies ist nämlich gerade nicht alltäglich. Die Unterstellungen, die kaputten Reporter würden sich ohnehin nur volllaufen lassen und Geld für Leichenteile bezahlen, ist dann einfach nur noch pures Ressentiments, das ich eher bei KenFM erwartet hätte.

“Nah an ethischen und persönlichen Grenzen”

Wer sind diese Aasgeier? Mein geschätzter Kollege Stefan Laurin beispielsweise war für Die Welt in Haltern – und schrieb danach auf Facebook: “Es war alles sehr würdig in Haltern… Sowohl vor der Schule als auch auf der Pressekonferenz im Rathaus.” Ein anderer Kollege schrieb: “Krasser Tag. Erst am Flughafen Düsseldorf und dann an der Schule in Haltern. Darüber zu berichten, bzw vor allem davon Fotos zu machen ist echt kein schöner Job und die ganze Zeit ziemlich nah an ethischen und persönlichen Grenzen…”

Es gibt sicherlich Reporter, die sich weit weniger Gedanken machen und skrupellos agieren. Aber die meisten Kollegen diskutieren immer wieder lange und kontrovers, welche Bilder angemessen sind, welche nicht – dies gilt auch für andere Anlässe – beispielsweise Anschläge. Und es ist auch keine besonders lebensbejahende Arbeit, immer wieder aus vorliegendem Material die Bilder herauszusuchen, die eben nicht mehr gezeigt werden können. Aber mit solchen Details muss man sich auch nicht weiter belasten, wenn die These stimmen soll.

Von Trauer und Wut

Sascha Lobo veröffentlichte heute übrigens auf Spiegel Online einen klugen Artikel zu den Reaktionen auf den Flugzeugabsturz, er schreibt:

Verstörend, wie eng Trauer und Wut beieinander liegen. Zu den meistgeteilten Botschaften gehört Empörung über die “sensationslüsterne Journallie”. […] Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand.

taz-Chefredakteurin Ines Pohl wurde nach ihrem Tweet selbst zum Ziel dieser Klickwut und teilweise übelst beleidigt.

Gleichzeitig finden sich in den Kommentaren zu den oben erwähnten Medienkritiken umgehend auch Beiträge, die in Richtung “Lügenpresse” und pauschale und populistische Politikerschelte gehen. Auf der Facebook-Seite des Politmagazins Monitor erhielt ein Nutzer für diesen Kommentar 73 Likes:

Wieso muss der “Halbe Bundestag” nach Frankreich fliegen um dann irgendeinen unqualifizierten Senf in die Kameras zu labern. Und die Sender stellen diese auch noch in den Vordergrund, als wenn diese Pappnasen die Hauptfiguren in einem Theaterstück wären,. Merkel hier, Merkel da, Merkel vorne, Merkel hinten, Merkel kann nicht in die Schlucht, Merkel kann nur mit Hubschrauber über das Gebiet fliegen, Steinmeier kommt auch nicht weiter, Steinmeier war gestern schon da, Steinmeier erzählt uns, was Experten schon vorher x-mal erklärt haben. Witzfigur Dobrindet gibt auch seine Senf dazu….. Was für eine Schmierenkömödie zu einem extrem traurigen Anlass.

Ein trauriger Anlass, der offenbar eine günstige Gelegenheit bietet, Feindbilder zu pflegen oder sich mal wieder als kritischen Kopf in Szene zu setzen. Sie wisse nicht, was sie schlimmer finde, merkte eine Kollegin auf Facebook treffend an: “Das berühmte Witwenschütteln, oder aber “Kollegen”, die sich an der Berichterstattung abarbeiten und de facto den Tod von mehr als hundert Menschen nutzen, um öffentlich (!) zu erklären, wie sicher sie im moralischen Sattel sitzen.”

2 Kommentare zu „Moralische Medienschelte

  1. Lieber Patrick Gensing,

    eine Gruppe von Menschen, die man persönlich nur zum allerkleinsten Teil kennt, pauschal zu verurteilen, gründet natürlich auf der gleichen Jagdhysterie und der gleichen Sündenbocksuche wie das Verhalten der kritisierten Journalisten. Das macht die Jagdhysterie aber nicht besser. Und es sind nun eben einmal Journalisten, die an die niedrigen Instinkte der Menschen, an ihre Sensationsgier, ihre Lynchfantasien etc. appellieren. In sofern steht die mediale Verwertung der Flugzeugkatastrophe in den Alpen nicht allein, sondern ist exemplarisch für das Mediengeschäft. Der Umgang mit Wulf, mit Edathy, mit vielen anderen spektakulären Fällen folgt denselben Schemata. Natürlich gibt es besonnene Journalisten, die sich darum bemühen, die ohnehin erregte Öffentlichkeit nicht noch weiter emotional aufzupeitschen und die ohne Sündenböcke auskommen. Das sind nach meiner Wahrnehmung aber leider die wenigsten, auch in den früher so genannten Qualitätsmedien. Auch bei mir verfestigt sich der Eindruck, dass die große Mehrzahl der Journalisten absolut skrupellos ist, wenn es um den Scoop und den Hype geht. Wenn Sie das anders wahrnehmen, so mag das an Ihrer Insidersicht liegen. An dem, was ich in den Medien lesen, hören und sehen konnte/musste, kann es wohl kaum liegen.

    Gruß
    Uwe Doll

    p. s. Auch ich habe mich bezüglich der abstürzenden Berichterstattung in einem blog ausgelassen. Vielleicht interessiert es ja. http://mein-perverser-alltag.blog.de/2015/03/28/flugzeug-zerstoert-fest-medien-20210661/

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  2. Lieber Uwe Doll,

    vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Ich habe Ihren Blog-Beitrag gelesen – und finde dort auch recht pauschale Verurteilungen von Journalisten, genau wie in Ihrem Kommentar hier:

    „Natürlich gibt es besonnene Journalisten, die sich darum bemühen, die ohnehin erregte Öffentlichkeit nicht noch weiter emotional aufzupeitschen und die ohne Sündenböcke auskommen. Das sind nach meiner Wahrnehmung aber leider die wenigsten, auch in den früher so genannten Qualitätsmedien.“

    Versuchen wir es einmal anhand von konkreten Beispielen: Sie verurteilen die Nennung des Namens von Andreas Lubitz. Ich halte diese Namensnennung für vollkommen legitim: Lubitz hat sich in dem Moment selbst zu einer Person der Zeitgeschichte gemacht, als er mit einem Flieger samt 149 weiteren Menschen an Bord sowie mit 700 Stundenkilometern in eine Felswand gerauscht ist.

    Sollten Ihrer Ansicht nach beispielsweise die Namen von Breivik, Böhnhardt, Zschäpe und weiteren auch nicht genannt werden – aus Rücksichtsnahme auf die Angehörigen? Bei Breivik ging es ja auch lange um die Frage, ob er überhaupt zurechnungsfähig sei.

    Nun ist Lubitz kein Rechtsterrorist, dennoch sind die Hintergründe des Absturzes ganz offenkundig in seiner Person zu suchen. Das ist maßgeblich, um die Ursachen zu verstehen – und mögliche Konsequenzen zu diskutieren. Mir fielen da als Themen beispielsweise die Fragen ein, ob die ärztliche Schweigepflicht hier möglicherweise an Grenzen stößt bzw. ob die Lufthansa tatsächlich genug getan hat, um ihr Personal, das für Hunderte Menschenleben verantwortlich ist, tatsächlich genau genug zu prüfen. Da kann sich Germanwings/Lufthansa in meinen Augen glücklich schätzen, dass sich viele Leute an den Medien abarbeiten, anstatt den Konzern und dessen Behauptungen nach dem Absturz genauer zu hinterfragen.

    Auch Recherchen im Umfeld von Lubitz halte ich für nachvollziehbar: Wer war dieser Mensch? War es absehbar, dass er Selbstmord begehen will und Menschen mit in den Tod reißen könnte? Das sind Fragen, die von öffentlichem Interesse sind. Was wäre denn los gewesen, wenn Freunde oder Bekannte gesagt hätten, Lubitz` Krankheit sei seit Jahren offensichtlich gewesen? Da geht es nicht einfach nur um Sensationsgier, sondern auch um die Frage nach Ursachen. Öffentliches Interesse einfach als Sensationsgier abzuqualifizieren, finde ich deutlich zu einfach.

    Zu der Berichterstattung in Haltern ist mir exakt ein Augenzeugenbericht bekannt, der behauptet, Medien hätten bei Angehörigen geklingelt. Belastbare Belege? Fehlanzeige. Ein anderer Mann aus Haltern widersprach diesem Augenzeugen zudem deutlich; auch Kollegen, die vor Ort waren, berichteten mir, dass dort angemessen gearbeitet wurde.

    Wie können Sie Ihre Einschätzung, es gebe kaum noch besonnene Journalisten, belegen? Ich arbeite seit Jahren mit Dutzenden Kollegen zusammen – und selbstverständlich wird täglich und immer wieder detailliert darüber diskutiert, was man wie zeigen kann und sollte. Bei diesen Diskussionen gibt es nicht immer nur eine Antwort, Redaktionen kommen zu unterschiedlichen Schlüssen, was man beispielsweise daran sehen kann, dass einige Medien den Namen von Lubitz abkürzen.

    Ich halte diese „es wird immer schlimmer“-Attitüde ehrlich gesagt für blanken Kulturpessimismus; die BILD-Zeitung beispielsweise war früher deutlich härter – und ein Fall wie die Geiselnahme von Gladbeck liegt mittlerweile 27 Jahre zurück. Ist Ihnen ein ähnlicher Fall in den vergangenen Jahren untergekommen?

    Viele Grüße,
    Patrick Gensing

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