Welterklärungsmuster für Denkfaule

Viel ist in den vergangenen Wochen und Monaten von einer Querfront die Rede. Was steckt eigentlich dahinter? Wie können die Grenzen von politischen Milieus gesprengt werden? Hilfreich sind dabei Welterklärungsmuster für Denkfaule.

Von Patrick Gensing, zuerst erschienen in der Spex No 357

Am Tag der deutschen Einheit versammeln sich vor dem Berliner Reichstag 300 Personen. Sie demonstrieren für Frieden. Allerdings geht es dieser Klientel nicht um die Massaker, die Boko Haram in Nigeria anrichtet, oder der „Islamische Staat“ in Syrien sowie im Irak; auch die russische Politik in der Ukraine erscheint diesen Leuten absolut legitim, geradezu alternativlos. Sie sehen die wahren Kriegstreiber im Westen – im Pentagon, das wiederum von Jerusalem aus gesteuert werde. Deutschland sei ohnehin nicht souverän. Was nicht in dieses simple Weltbild passt, wird passend gemacht: Auch der „Islamische Statt“ sei von den Zionisten gesteuert, ist an diesem Oktobertag in Berlin zu vernehmen. Die Solidarität der Demonstranten gilt Russlands Präsident Putin, er ist ihr Held im Kampf gegen die „zionistische Plutokratie“, von der auf einem Plakat zu lesen ist, das vor dem Kanzleramt hängt. Unter den Demonstranten sind krude Reichsbürger, ordinäre Nazis, Verschwörungstheoretiker, ehemalige Linksradikale.

Der Hass auf den Westen und die Sehnsucht nach dem starken Mann, Lust auf abgehobene Esoterik und bodenständigen Nationalismus sowie die Suche nach einfachen Erklärungen für komplexe Konflikte bringt diese Menschen aus unterschiedlichen Milieus zusammen. Ein weiteres gemeinsames Feindbild sind „die Medien“, in denen zensiert werde, dass die Schwarte kracht. Meinungsfreiheit gebe es in Deutschland nicht, so die einhellige Meinung. Paradoxerweise existieren im Netz mittlerweile Hunderte Blogs und Foren, in denen solche Parolen verbreitet werden. Nie war es einfacher als heute, die eigene Meinung weltweit ungefiltert und direkt darzulegen.

Ideologie der Irrationalität

Alles nur ein paar Spinner? Vollkommen irrelevant und zu vernachlässigen? Die radikalen Verschwörungstheoretiker sind lediglich der Narrensaum einer viel größeren Anzahl von Menschen, die ähnlichen Ressentiments folgen – zumeist abgeschwächt und nicht so komprimiert. Am 3. Oktober wurde diese Anschlussfähigkeit an den Mainstream in Person von Xavier Naidoo vorgeführt, der auf der Querfront-Veranstaltung sprach und zuvor bereits im ARD-Morgenmagazin die These verbreitete, Deutschland sei nicht souverän. Die Ideologie der Irrationalität lässt sich nicht auf „die Ränder“ der Gesellschaft oder politische Splittergruppen abwälzen. So postete beispielsweise die baden-württembergische SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle Ende September auf ihrer Facebook-Seite den Film „Die Macht der Rothschilds“. Inhalt: Die jüdische Familie kontrolliere die Medien, hätte „Kriege dirigiert“ und „Nationen in den Bankrott getrieben“. Weiter wird in dem Machwerk behauptet, die Rothschilds seien für den „Massenmord und die Verarmung von Millionen“ verantwortlich. Juden als Erklärung für Krieg, Wirtschaftskrisen und soziale Missstände. Es war dem Arbeitskreis der Jüdinnen und Juden in der SPD vorbehalten, Kritik an Wölfle zu üben. Die entschuldigte sich, betonte aber, mit Antisemitismus habe sie nichts zu tun. Dass Propaganda über Juden, die die Welt kontrollieren, in Deutschland eine gewisse Tradition haben könnte, scheint der Sozialdemokratin nicht in den Sinn gekommen zu sein.

Dabei befindet sie sich in guter Gesellschaft. Günter Grass – Literaturnobelpreisträger und lange Jahre SPD-Mitglied – konnte im Jahr 2012 nicht mehr an sich halten und dichtete von Schuld, der Herkunft, dem Verdikt Antisemitismus und Israel, das seine Gegner auslöschen wolle und somit eine „Gefahr für den Weltfrieden“ sei. In der anschließenden Debatte beklagte sich Grass, der sein Gedicht in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht hatte, noch über die „Gleichschaltung“ der Presse – und verglich damit die Medienlandschaft in der Bundesrepublik mit der in der NS-Zeit. Ein bemerkenswerter Vergleich, denn Grass machte deutlich, dass er aus seiner Sicht tatsächlich mutige Wahrheiten ausspreche, die einem Tabu unterlägen. Wer dieses Tabu auferlegt hat, blieb unausgesprochen. Es ist aber auch gar nicht nötig, denn jeder versteht die Botschaft auch so. Die brillante Beobachtung des Psychoanalytikers Zvi Rex, wonach die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen würden, passte hier einmal mehr.

Relativieren statt leugnen: Neonazis marschieren in Dresden (Foto: Marek Peters)

Gazacaust und Gleichschaltung der Presse: Nazi-Vergleiche sind ein populäres Mittel, um auf einen Streich deutsche Geschichte zu relativieren, eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen und den einzigen jüdischen Staat zu delegitimieren. Vor wenigen Monaten zogen in mehreren deutschen Großstädten Zehntausende Menschen durch die Straßen. Zu vielen Demonstrationen hatte linke Organisationen aufgerufen. Auf den Demos gehörten Sprechchöre wie „Kindermörder Israel“ noch zu den harmlosesten Parolen. Israel wurde mit Nazi-Deutschland gleichgesetzt, der Gaza-Krieg mit dem Holocaust. Übergriffe auf Gegendemonstranten, Journalisten oder Personen mit Kippas wurden aus Göttingen, Bremen, Hannover, Essen und Berlin gemeldet. An mehreren Demonstrationen beteiligten sich neben linken und islamistischen Gruppen auch Neonazis. Der Hass auf die Zionisten hat eine Scharnierfunktion, sprengt alle ideologischen Grenzen. Bei keinem anderen Thema sind sich politisch vollkommen gegensätzliche Lager so nah: Rechte, Islamisten und Linke im Kampf gegen die Imperialisten – für eine Welt der freien Völker. Man muss wahrlich kein Verfechter der Extremismusdoktrin sein, um hier ideologische Schnittmengen entdecken zu können.

Als die BILD-Zeitung nach den israelfeindlichen Demos und Ausschreitungen die Kampagne „Nie wieder Judenhass“ startete, war die Skepsis bei vielen politisch engagierten Menschen groß. Kein Wunder: Das Flaggschiff des Axel-Springer-Verlags hatte sich beim Kampf gegen Vorurteile bislang nicht unbedingt hervorgetan. Doch – glücklicherweise muss man sagen, was die politische Kultur in Deutschland angeht – ist der Verlag der Freundschaft mit Israel tief verbunden. Da die Kampagne aber von großen Medien und sämtlichen Parteien im Bundestag unterstützt wurde, schien sich in entsprechenden Milieus das Ressentiments, dass die Juden – Pardon, Zionisten – Medien und Politik beherrschten, einmal mehr zu bestätigen. Dass Solidarität mit Juden in Deutschland ohnehin eher eine lästige Pflichtaufgabe für Repräsentanten denn eine Herzensangelegenheit „aus dem Volk“ ist, wurde sehr deutlich, als die Veranstalter und Mitorganisatoren bei dem Aktionstag gegen Judenhass in Berlin fast unter sich blieben – trotz bundesweit massiver Bewerbung. Denn während man beim Antirassismus auch als weißer Bürgersohn auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten stehen kann, gelten wahlweise die Juden, Zionisten oder der Staat Israel als etabliert und stark – selbst wenn sie nur eine verschwindend kleine Minderheit darstellen. Die Ressentiments über den Einfluss der Juden in Wirtschaft, Politik und Finanzwelt machen es möglich.

„Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle“ – ob August Bebel diesen weitsichtigen Satz tatsächlich geäußert hat, ist nicht eindeutig geklärt. Unabhängig davon ist er aber aktueller denn je: In einer zunehmend unübersichtlichen, globalisierten Welt liefern Ressentiments und Legenden von geheimen Mächten sowie groß angelegten Verschwörungen abschließende Antworten auf komplexe Fragen. Der Antisemitismus erlebt im 21. Jahrhundert eine echte Renaissance – als Welterklärungsmuster für Denkfaule.

Siehe auch: Die Linke im FriedenswinterKenFM und der Sozialismus der dummen KerleKeine “glühenden Antisemiten” links von Hitler?